Samstag, 21. Januar 2012

Review: The Tree of Life, 2011

Das ozeanische Gefühl, in dem die Seele treibt, ohne je festen Grund zu fassen und trotzdem darauf alles weitere baut, es beängstigt oder beruhigt, je nachdem, wie der erwachsene Geist sich in der Welt zu Hause fühlt. Manch einer scheut lebenslang den Blick zurück (oder genauer: in sich hinein) in Bezirke, wo die Fundamente der eigenen Persönlichkeit schwimmend verlegt wurden.


Eine unbestimmte, nach außen wenig sichtbare Lebenskrise lässt Jack (Sean Penn) Rückschau halten. Inmitten von gläsernen Hochhauswelten, winzig und allein zwischen den aufragenden Fassenden, erforscht er seine Kindheit. Eine Kindheit der frühen 1960er Jahre, nur scheinbar geborgen in der baumbestandenen Weitläufigkeit einer Vorstadt im Südwesten der USA.

Weniger eine Geschichte im herkömmlichen Sinne bietet Malick, als ein tastendes Erforschen einzelner, lose verbundener Szenen, die unauslöschliche Spuren im Langzeitgefühlshaushalt von Jack hinterlassen haben. Diese gefühlsbeladenen Szenen werden von Malick durch Grenzziehungen gedeutet. Grenzziehungen, die unterschiedlichen Sphären wirklichkeitsformender Kräfte markieren. Was ist unmittelbar wirkende Natur, entzogen menschlichem Einfluss? Was ist gesellschaftlich, von Menschen technisch Formbares? Was ist Geschichte? Was Naturgeschichte? Ist die Natur sinnhaltig geformt oder blindes Geschehen? Können wir Menschen vermeintlich Unabänderliches doch durch unser Handeln und Fühlen beeinflussen?

Denkbar Grundsätzliches will Malick verhandeln. Allein seine Grenzziehung zwischen den Prinzipien Natur und Gnade, zudem verkoppelt mit den Figuren des Vaters (Brad Pitt) und der Mutter (Jessica Chastain), die grundlegend für den Film ist, wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Das Furchtbare dieser Welt rührt aus der mutwilligen Vertauschung von Natur und Technik, zwischen Vorgefundenem und Gemachtem. Alle Herrschaftsideologie, aller mythisch gesteuerte Wahn beginnt, wenn man Natürliches als Geschichtliches ausgibt und Geschichtliches als Natürliches. Wer menschengemachte Herrschaftsverhältnisse als vermeintlich ewiggültige Naturgesetze durchsetzt handelt ideologisch ebenso wie der, der natürliche Verläufe als sinnhafte Setzungen anderen aufzwingt. Es hat bekanntlich Jahrhunderte gedauert, nein, es dauert weiter an, dass wir uns des Charakters unserer Ordnungsvorstellungen und Grenzziehungen bewusst werden in diesem Spannungsverhältnis. Wir werden uns nicht nur der Natur bewusster, sondern auch des geschichtlichen Behelfcharakters unserer Orientierungsvorstellungen. Der verschlungene Rand, gewissermaßen der Ereignishorizont unserer Zivilisationserkenntnis verschiebt sich ständig weiter.

Terrence Malick geht Grundsätzlichem nach und gräbt tief. Vom Beginn der Existenz bis zum Ende, von der Geburt zum Tod. Immer wieder leuchten Bilder auf, nach denen das Kino heutzutage eher selten fragt. Mit solchem kunstphilosophischen Anspruch gruben wenige – Tarkowski fällt mir ein – in der menschlichen Existenz. Aber Malick betreibt eben nicht nur Ausgrabungen und Entdeckungen, sondern vor allem Rasterungen. Rasterungen, die ganze Fragen ausblenden und das Vorgefundene nach selbst nie hinterfragten Kriterien sieben. Die Subjektivität seines Standpunktes ist dabei nicht das Problem, im Gegenteil, wohl aber die Fehleinschätzung des eigenen Standorts und der Möglichkeiten des eigenen Blicks. Leider scheint bei manchen Menschen mit zunehmendem Alter die Selbstgefälligkeit in den eigenen Rastern zuzunehmen. Entsprechend nimmt die künstlerische Verstiegenheit zu.

Die oftmals kaum wahrnehmbare Grenze zwischen dem originellen Einzelgänger und dem verschrobenen Sektierer, zwischen dem philosophischen Künstler und dem ideologischen Rabulisten scheint mir, soweit ich meinen zwangsläufig auch recht ungleichmäßig entwickelten Sinnen trauen darf, vielfach von Malick überschritten worden zu sein. Mehr noch, mir scheinen Malicks Fragestellungen künstlerisch altertümlich, als wären es Entwürfe, die er vor Jahren, Jahrzehnten skizziert hätte und die jetzt nachholend, ungeachtet der verstrichenen Zeit, doch noch in die Welt gewuchtet worden wären.

Im Grunde kann man einen solchen persönlichen Weltfilm nicht bewerten. Woran sollte man ihn messen? Aber die eigene Subjektivität, die andere Grenzverläufe zieht als die Malicks, spürt das Fragwürdige von dessen Grenzziehungen. Diesem Unbehagen möchte ich mit den wohl sinnlosesten 50%, die man sich vorstellen kann, Ausdruck geben.

14 Kommentare:

  1. Ja, nicht jedermanns Sache, das malicksche Kino.

    AntwortenLöschen
  2. Nominierung für Blog-Entfreundung: Sieben Berge

    AntwortenLöschen
  3. @Flo Lieb: Ja, so ist es. Wobei ich betonen möchte, dass ich mich überhaupt nicht gelangweilt habe während der ganzen Dauer des Films, sondern in einem eigentümlich Zustand der Wachheit den Bildfluss durchlief.

    AntwortenLöschen
  4. Spaß beiseite: Sehr hellsichtiger Text, und ungemein erfreulich in der Zersplitterung des vermuteten gedanklichen Entwurf Malicks und der Zwiespältigkeit, diesen zu beurteilen, außer ihn eben irgendwo zu sich selbst führen und dann schlicht auf Distanz halten zu können.

    Eine weitere Möglichkeit wäre natürlich, zusätzlich die eindringliche Wucht der Inszenierung abzulösen, aber da bewegt man sich schnell in einen überstrapazierten Form-Inhalt-Diskurs.

    AntwortenLöschen
  5. @Rajko: Das habe ich geahnt und trage es mit Fassung.

    Man kann Dinge lieben, die fehlerhaft sind. Man kann Dinge lieben, die falsch sind. Man kann sogar Dinge lieben, die schlecht für einen sind.

    Das alles tue ich und nicht immer zu meinem Vorteil ;)

    Aber man (d.h. ich) kann nicht Dinge lieben, die den liebenden - und alles verzeihenden Blick - in Richtungen lenken, die ihm fossiliert erscheinen.

    AntwortenLöschen
  6. Verwirrung pur: Meine Antwort war zu Rajkos erstem Kommentar.

    Ein finsterer Nachtrag. Im Bonusmaterial der DVD äußern sich ausgerechnet meine "Special Friends" Fincher und Nolan zum Malickschen Schaffen. Zwei gewältätige Kategorisierer der Wirklichkeit, denen nur noch als Dritter im Bunde der oft zitierte, aber längstverblichene Kubrick beizugesellen wäre.

    Der Club der selbstzufriedenen Autisten.

    AntwortenLöschen
  7. Von "Fehleinschätzung des eigenen Standorts und der Möglichkeiten des eigenen Blicks" zu sprechen ist für mich nicht nachvollziehbar. Ich weiß nicht, was damit gemeint ist.

    Für mich klingt das wie eine ziemliche Anmaßung und das stört mich.

    AntwortenLöschen
  8. Ich betrachte die Besprechung als Warnung. Vielleicht schaffe ich mir das Ding mal an, wenn ich mit meiner eigenen lückenhaften Stammbaumforschung fertig bin (Gerüchte besagen, der Urheber meiner Bande habe im 15. Jahrhundert auf einer Weide, die unseren Namen trägt, mit einer Adligen gevögelt). Wirkt eben wirklich alles sehr bruchstückhaft und verstiegen, das. Nicht einmal hellblaues Blut scheint sich anzudeuten. Fragen über Fragen. :D

    AntwortenLöschen
  9. Heute schaff ich keine sinnvollen Antworten mehr, die folgen morgen.

    AntwortenLöschen
  10. Dafür habe ich mittlerweile (zu faul für Besprechungen) herausgefunden, dass sich der Mythos um meine hochehrwürdige Entstehung auch im Internet finden lässt - leider in Englisch, weil es den alten Forscher aus Reigoldswil nach Pennsylvania verschlug. Hier wiederum siehest du den Vogelberg, wo mein Vorfahre mit der Dame von Geroldseck eben das machte, was man auf einem Vogelberg macht. Dass mein Name noch heute an diese Aktion erinnert, war mir immer etwas unangenehm.

    Immerhin: ich bin dabei, Grund zu fassen, nähre meinen persönlichen "Tree of Life." Vielleicht kein Stoff für Malick; aber Michael Steiner könnte daraus problemlos ein "Sennentuntschi II" machen.

    AntwortenLöschen
  11. @Whoknows: 15.Jh. ist zwar schon mal gut, aber Malick hantiert in diesem Film nicht mit Jahrhunderten oder Jahrtausenden, sondern Jahrmillionen, wenn nicht Jahrmilliarden. Zum Schluss sprengt er alle derartigen Vorstellungen und rechnet eher in Äonen, d.h. handelt vom Ende aller Zeit. Über die Dinosaurier zum Urknall und weiter ins Jenseits.

    Ob Du mit deiner Ahnenforschung so weit zurückkommst, wage ich nicht zu ermessen, aber im Schweizer JURA lohnen sich ja zumindest Forschungen, die bis zu den Dinosaueriern zurückreichen ;) Auf jeden Fall solltest du deine Kindheit im kosmischen Rahmen sehen, dann ungefähr gelangst Du in Malicksche Sphären.

    AntwortenLöschen
  12. @Patrick B. Rau: Soweit möglich, versuche ich meine Aussage zu verdeutlichen. Der Text war ursprünglich nur als Kurzkommentar für den kommenden Monatsrückblick gedacht, wuchs dann im Umfang darüber etwas hinaus. Die kurze Form mag die polemische Schroffheit erklären.

    Ein Review - kurz oder lang - ist für mich keine Filmvorstellung, keine reine strukturelle Analyse, keine filmhistorische Abhandlung, sondern ein begründetes Geschmacksurteil. Natürlich spielen die genannten Elemente in ein Review hinein, aber es geht um ein eigenständiges Urteil. Und das sollte so deutlich sein, dass es als solches erkennbar wird, und nicht im Versteckspiel hinter einer gar nicht erreichbaren Objektivität endet.

    Malick nimmt für sich die subjektive Position des Künstlers in Anspruch. Aber er will eben keine rein subjektive Erinnerung an die (eigene?) Kindheit, sondern darüber hinaus eine Schicksals- und Weltdeutung im denkbar weitesten Rahmen. Damit steht sein künstlerischer Entwurf aber in Diskurskreisen, die wahrlich unter verschiedenen Perspektiven beleuchtbar sind und auch objektivierbare Urteilskriterien erlauben. Malick wirft sein Hut in den Ring, ich nehme ihn auf.

    Ich kritisiere nicht Malicks assoziative Erzählweise, auch nicht seine Ausmalung einer christlichen Lebenswelt, die für die USA und Malicks eigene Erfahrungen ja durchaus authentisch sind, sondern seine Verstiegenheit, der notwendigen Begrenztheit seiner perspektivischen Entwürfe angemessen bewusst zu sein. Das hat anmaßende Züge.

    Und ja, da nehme ich mir die Freiheit, meiner Urteilskraft zu vertrauen. Zugegeben, ohne dass in einem mehrseitigen Essay ausführlich zu erörtern.

    AntwortenLöschen
  13. Deine Idee von einem Review finde ich vollkommen legitim.

    Was mich nicht so ganz überzeugt, ist, dass du für dich als Kritiker forderst, dass dein eigenständiges Urteil ohne Anspruch auf eine nicht erreichbare Objektivität akzeptiert werden soll, du aber an den besprochenen Film ganz andere Maßstäbe anlegst. Der muss sich dann nämlich der notwendigen Begrenztheit seiner perspektivischen Entwürfe angemessen bewusst sein.

    Wenn du Malicks Hut unter diesen Bedingungen aufnimmst, dann ist das kein faires Duell.

    AntwortenLöschen