Dienstag, 24. Januar 2012

Kurz kommentiert: Verblendung (The Girl with the Dragon Tattoo), 2011

David Finchers Retrospektive in eigener Sache. Mit ALIEN 3 goss er den Sud von Scott und Cameron ein drittes Mal auf, hier einer schwedischen Film. Mieses Wetter (SIEBEN), ein geheimnisvoller, unschnappbarer und sehr, sehr perverser Killer, der irren Theorien nachhängt (SIEBEN, ZODIAC), besessene Ermittler und durchgeknallte Flittchen (BELEG NACH BELIEBEN), komplett schwachsinnige überdrehte Verschwörungen (NOCH NIE GESEHEN), abartige Sexpraktiken (GERN IMMER MAL WIEDER) – wir sind in David Finchers Selfmadeworld. Und es kommt noch besser: Das stammt gar nicht von ihm, sondern von einem schwedischen Reißerautor und einer verdächtig ähnlichen, aber etwas unbrillanten Erstverfilmung. Und am besten: Das gerät Fincher gar nicht übel. Finchers ureigene Motivwelt verschmilzt ganz zwanglos mit dem gedönsstarken Schwedenreißer ebenso, wie seine technische Versiertheit sich nicht in halbstarker Schwanzwedelei austobt, sondern vergleichsweise diszipliniert im Dienst der Gesamtwirkung steht. Wie schon THE SOCIAL NETWORK ein mehr als diskutabler Film, ja bei Erstsichtung ein spannender Enthüllungsthriller. Ob sich die Spannung auch über mehrere Sichtungen erhält, lasse ich mal offen. Daniel Craig liefert eine etwas zu routinierte, oberflächliche Interpretation, die die existentiellen Schläge, die sein Rollencharakter hinnehmen musste und muss, nicht allzu tief widerspiegelt, aber Rooney Mara lässt das verstörte Wesen eigenständig aufleben, trotz einer starken Vorgabe aus der Erstverfilmung, vielleicht einen Tic zu abgemildert.
Wo ist der alte Fincher nur geblieben? Der tobt sich im Vorspann aus und auch das funktioniert, weil es im Prinzip eine Art selbständiges Musikvideo ist, dessen Ästhetik sich von Rest des Films unterscheidet.
Hm. Wird Fincher altersmilde oder ich?

75% bei Erstsichtung 

15 Kommentare:

  1. "Ob sich die Spannung auch über mehrere Sichtungen erhält, lasse ich mal offen."

    Ist auch viel spannender so. Aber nur fast so spannend wie Erstsichtungen, vor allem natürlich nicht-kanonisierter, älterer Filme.^^

    Und um deine Frage zu beantworten: Fincher wird wohl einfach besser. Der Kindergarten ist vorbei, jetzt geht's erst richtig los. Hoffentlich entsorgt dann mal jemand diese albernen Kreidekrakeleien, die der kleine David da gemalt hat, SIEBEN und FIGHT CLUB und so.

    PS: Warum guckst du eigentlich immer nur solchen Ultramainstream, wenn es mal was Aktuelles gibt hinter den Sieben Bergen? Mangelndes Kinoangebot oder keine Lust auf, sagen wir mal, sowas wie z. B. den derzeit laufenden MEEK'S CUTOFF?

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  2. Ich kann Dir versprechen, diesen Monat war es ein sehr gemischtes Programm. Mainstream, Klassiker und einige ET-Favoriten. MEEK'S CUTOFF scheint ja in der Tat ein Geheimtipp zu sein, vor kurzem habe ich ihn mir von jenny empfehlen lassen. Steht auf meiner Sehliste.

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  3. Netter Twist in deinem Text ;)

    Angenommen man kennt die Vorlage noch nicht, müsste es gerade bei so einem Film ja vor allem auf das erste Mal ankommen...sieht man ihn dann noch öfter, kann er ja gar nicht mehr so gut wirken, aber wer sagt, dass solche Werke überhaupt öfter gesehen werden wollen? ;)

    Ich fand ja die schwedische Filmversion (allerdings den Kinocut) schrecklich ungelungen, Finchers Fassung interessiert mich momentan als Ganzes aber auch nicht, die Luft ist echt raus. Wie er manche Dinge umgesetzt hat, ist sicher interessant, aber das kann ich mir auch später mal (in Ausschnitten) zu Gemüte führen.

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  4. Guck ich mir auch als Fan alberner Kreidekrakeleien an. Vorher war hier Fincher für mich das ausschlaggebende Moment, dank Deines Textes sind es jetzt die abartigen Sexpraktiken.

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  5. @Paul: Wie gesagt, inhaltlich bietet der Film nix außer den Dir schon bekannten Thrillerplot. Sonderlich mehrdimensional erschien mir Finchers Version nicht, hinter dem Bestseller-Handwerk ist wenig.

    Rooney Mara ist sehenswert, aber andererseits wurde dieser Charakter ja schon durch die schwedische Erstverfilmung ausformuliert. Und nur wegen Finchers Trent-Reznor-Musikvideo als Vorspann ins Kino gehen? Trotzdem habe ich den Besuch im Kino nicht bereut.

    @Dirt: Eben. Ein Film für eure ganze Blogfamilie. Könnt ihr ja mal als Betriebsausflug einplanen :) Blutonos und Alfons wären bestimmt auch dafür zu gewinnen.

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  6. Was haben eigentlich alle immer gegen Fincher? Ich hab zwar seine letzten Filme immer noch nicht gesehen und die älteren länger nicht mehr, aber zumindest den auch gebashten Fight Club halte ich für durchaus ziemlich gelungen. Verpeil ich da was? :D

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  7. Lieber Ape-Man, gerade habe ich meinen Frieden mit Fincher geschlossen, da reisst Du alte Wunden auf ;)

    VERBLENDUNG schien mir bei der Erstsichtung im Kino eine spannende moderne Thrillerverfilmung. Nicht mehr, nicht weniger. Doch, etwas mehr: nämlich ein tolles Musikvideo als Vorspann.

    Das Fass mit dem "alten" Fincher mach ich lieber nicht mehr auf, da habe ich mich über die Jahre dran abgearbeitet, siehe zuletzt mein Review zu SIEBEN und Der seltsame Fall des Benjamin Button. Irgendwo fliegt auch noch eine uraltes Review zu FIGHT CLUB rum, aber das fällt unter Jugendsünde ;)

    Also: Nix verpeilt, Friede sei mit Dir :)

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    1. Das regt mich aber doch eher an, noch einmal genauer hinzuschauen. Gerade in Fragen der Ästhetik könnte es mir durchaus eine Wonne sein, mag ich doch gerade hier oftmals verschrobene Düsternis verpackt in klar definierten Codes. :)

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  8. Diese rein auf optische und akustische Ästhetik getrimmte Version erhebt die schwedische Verfilmung beinahe zu einem Meisterwerk. Ich möchte nicht falsch verstanden werden - dafür, dass ich das Buch für einfältigen hanebüchenen Schrott halte, ist Finchers Streifchen immer noch streckenweise unterhaltend. Gestrichen sind zumindest die Kaffeekränzchen und das ganze Wurstbrotgedöns, welche gefühlte 50% der literarischen Vorlage ausmachten. Übel nehme ich aber das übernommene unverforene Product-Placement und die Umwandlung der Figur Salanders vom Punk im Original zum Emo im Remake, gleichsam von einem kantigen Ausrufe- zu einem hingeschissenen Fragezeichen. Daniel Craig, schon immer mehr Physis als Mimik, kann hier zum wiederholten Mal meine Stimmung nicht heben. Mir scheint dieser Streifen sei wohl v.a. der "Bond" den Fincher nie drehen durfte, als ein wirklich packender Thriller.
    Aber wahrscheinlich sagt meine Enttäuschung wohl mehr über meine eigene erbärmliche Erinnerung aus, denn darin war David Fincher einer meiner Regie-Heroen in die ich grosse Hoffnungen setzte und dabei pfleglich ignorierte, dass ich schon seit Flight Plan seinen Produktionen nichts mehr abgewinnen konnte.

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  9. @Anonym: Die Beobachtungen sind alle durchaus vertretbar, wiewohl ich in diesem Fall anders gewichte und daher für diesmal mich der Schärfe des Urteils über Fincher nicht anschließe. Mag sein, dass der Film bei Zweitsichtung, wenn die rein äußerliche Thrillerspannung wegfällt, deutlich an Substanz verliert. Das gilt aber ebenso (wenn auch etwas anders gelagert) für andere Fincherfilme.

    Also: Larsson ist ein reiner Reißerautor mit literarischem Nullanspruch. Das sei unbestritten. Fincher hat zweifellos versucht, den Film mainstreamiger zu machen, durch Craigs etwas standardisierten (aber nicht völlig verachtenswerten) Auftritt, der allzu deutlich allein vom Starimage profitieren sollte. Auch Maras (sicherlich vom Fincher gewollte) Abmilderungen des Charakters deuten auf diese Absicht. Allein die Filmlänge widerspricht etwas dem reinen Formatkino.

    Nur: Ich sehe die Fallhöhe nicht, an der dieser Film gescheitert sein soll.
    Für mich war gerede DAS ein Problem des frühen Fincher, dass er maßlos gebollert hat, ohne wirklich Substanzielles zu liefern. BENJAMIN BUTTON litt unter demselben Problem, nur auf der Kunstkinoschiene.

    VERBLENDUNG verspricht nicht mehr als er liefert: Einen Bestseller-Verschwörungsthriller ohne Avantgardebemühungen.
    Warum soll man das an der schwedischen Verfilmung messen? Die war graduell eher auf europäischen Geschmack geeicht, aber nun auch nicht vielschichtiger, als diese zugegeben etwas glättere amerikanische Version.

    Sicher kein bedeutender Film, sicher auch glätter als FIGHT CLUB oder SIEBEN, nur ob das wirklich ein Schaden ist, darüber kann man geteilter Meinung sein.

    Noch eine Bitte: Hier kann wirklich jeder zur Diskussion beitragen, aber ich bitte darum, sich wenigstens einen Nick auszudenken, damit nicht irgendwann "Anonym" mit einem anderem "Anonym" verwechselt wird. Wer hinter dem Nick steckt, interessiert mich nicht, der Inhalt bleibt natürlich gleichwertig, aber es wäre übersichtlicher für die Diskussion. Danke.

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  10. Tja, Fincher scheint wirklich nicht davon profitiert zu haben, dass es bereits diese schwedischen Verfilmungen gab. Ich persönlich habe auch wenig Lust "Verblendung" im Kino anzusehen, da ich den Vorgängerfilm kenne und den Eindruck habe, dass Fincher sehr viele Einstellungen übernommen/kopiert hat (was an sich ja nichts schlechtes sein muss), und mich die Figuren sicher nicht umhauen würden, da ich einerseits finde, dass Noomi Rapace einen ordentlichen Job gemacht hat (und ich mir kaum vorstellen kann, dass Rooney Mara - bei allem Lob - viel substanzielles hinzufügen konnte), und das eigentliche Highlight (in einem eher durchschnittlichen aber dennoch passablen Film) für mich Michael Nyqvist war. Da ich Daniel Craig nicht schätze, kann ich mir in dieser Hinsicht beim besten willen keine Steigerung in der Darstellung von Blomqvist vorstellen - eine Steigerung die ansonsten durchaus zu schaffen wäre.

    Klingt alles nach einem aufgemotzten Remake, bei dem der Mehrwert eindeutig auf Fincher und seinem Können liegt. Das schätze ich zwar, aber diese ganze Millenium-Geschichte erscheint mir inzwischen arg ausgelutscht.

    Sahe das also (ohne Filmkenntnis) wohl ähnlich wie du Sieben Berge. Positiv anmerken könnte man aber, dass es jetzt ja potentiell nur noch nach oben gehen kann. (Noch) Bessere Filme (die schwedischen Fortsetzungen/Zusammenschnitte sind eindeutig schwächer als die Regieleistung Oplevs), und noch mehr Kassenerfolg - wenn sich rumgesprochen hat, dass man sich die Fincherfilme gut anschauen kann. Von daher könnte ich mir sogar vorstellen, dass Fincher, wenn er sich da richtig reinlebt, mit dem zweiten und dritten Teil großes Schaffen könnte. Mal sehen.

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  11. @Sano: Diese Vorbehalte habe ich von vielen Anhängern der Erstverfilmung gehört, man kann sie nicht von der Hand weisen. Aber ich bemühe mich neuerdings, gerechter gegen Fincher zu sein und habe versucht, den Film eher im Rahmen seines Werkes zu sehen, als im Vergleich zu Buch und Erstverfilmung.

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  12. Naja, ich habe nicht grundsätzlich etwas gegen eine Aneinanderreihung von déja-vus, jedoch erwarte ich dann wenigstens anständige schauspielerische Leistungen. Und da haben die Schweden auf jeden Fall bessere Arbeit abgeliefert.
    Wegen der Zweifel an meiner Urteilsfähigkeit habe ich vor 4 Tagen nochmals Se7en gesichtet und ohne auf den abstossenden Inhalt einzugehen, empfand ich ihn immer noch als sehr kompakten atmosphärischen Thriller mit überzeugenden Darstellern (ja, auch Brad). Das fehlt mir in "Verblendung", ich hätte da lieber jemanden wie Ralph Fiennes gesehen als diesen Versandkatalog-Dressman Craig. Auch mag ich hier die chauvinistischen Untertöne in Bezug auf die Figur Salander nicht, obwohl die Fincher-Verfilmung damit der Buchvorlage näher steht, denn Larsson mag ein Gutmensch gewesen sein, aber beim Buch bekam ich auch den Eindruck eines Heuchlers und Chauvinisten.
    Ich erwartete nicht von Fincher, dass er den Serienkiller-Thriller neu erfindet, aber etwas mehr Tiefe und Menschlichkeit hätte manchen Figuren nicht geschadet. Aber wenn schon das nicht, hätte ich wenigstens gerne die von dir erwähnten abartigen Sexpraktiken vorgefunden...

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  13. @Ricochet: In Sachen Craig stimme ich durchaus zu, da wäre eine stärkere Besetzung leicht vorstellbar.

    Deine Bemerkung zu den "abartigen Sexpraktriken" verstehe ich nicht ganz. Vielleicht missverstehen wir uns da. Bei mir bezog sich das "abartig" auf die Vergewaltigungen, nicht auf die bisexuelle Ausrichtung Salanders.

    Die von dir (zurecht) beanstandete fehlende Tiefe und Menschlichkeit mancher Figuren habe zumindest ich auch bei früheren Fincherfilmen öfters vermisst.

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  14. Ach so. Das hatte ich jetzt nicht mit Sexualität assoziiert sondern mit menschenverachtenden perversen Gewaltpraktiken. Unter abartigen Sexpraktiken verstehe ich eher sowas wie Stomping oder was Sodomistisches.

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