Wie immer als letzter Blog wünscht Sieben Berge seinen Lesern ein gutes Neues Jahr 2012. Im Zuge der Aktion "Zeit für DÖS" habe ich mich nun kurz vor Toreschluss auch mit dem schweizer Film befasst. Ein unerforschtes, rätselhaftes Gebiet, das selbst den Einheimischen höchst widersprüchliche Gefühle entlockt. Was treibt ihn um, den Eidgenossen? Der Blog Sieben Berge geht auch dieser Frage auf den Grund.
Zum Jahreswechsel wollte ich endlich Feldforschung betreiben und begab mich undercover in die Schweiz. Ein idealer Zeitpunkt, da zu Sylvester überall die Völker in Ekstase außer sich geraten und ihr Wesen in Freudenkundgebungen der Welt offenbaren. Letztes Jahr konnte ich undercover in Berlin die Spuren der Verwüstung dokumentieren. Sodom Berlin, ein Pfuhl aus Dreck und Sünde.
Nun aber Basel. Über die Rheinbrücke nähere ich mich der Innenstadt. Alles ruhig. Verglichen mit Berlin geradezu menschenleer.
Nichts. Keine Spur von Sylvester, keine von Dreck und Laster. Picobello liegt der Rathausplatz vor meinen Augen.
Klinisch rein bietet sich das Pflaster dem Betrachter dar. Wurde hier überhaupt gefeiert? Oder lässt der Schweizer einen Böller hoch gehen und kehrt die Überreste mit Handfeger und Schaufel unmittelbar danach wieder zusammen?
Hat der Schweizer überhaupt Laster? Was interessiert ihn? Die überraschende Antwort fand sich ebenfalls auf dem Rathausplatz: GREASE! John Travolta und Olivia Newton-John!
Auf dem Weg zum Basler Münster dasselbe Bild. Gemessen an Berliner oder Kölner Zuständen ist Basel ein staubfreier Reinraum der Halbleiterindustrie. Doch halt - da! EIN Böllerrest!
Andererseits, das könnte natürlich auch ein boshafter deutscher Tourist (aus Berlin?) gewesen sein. Steht der schon auf der Fahndungsliste?
Auf dem Münsterplatz dann wieder das gewohnte Bild:
Eine dunkle Ahnung treibt mich zum Ostchor mit der Rheinterrasse.
Da, verborgen hinter dem Münster dann die dunkle Seite Basels. Der Ort der Sünde. Hier fanden die Orgien der Sylvesternacht statt.
Unheimlich. Feiert der Basler nur im Schutz der Kirche? Noch unheimlicher, es handelt sich wirklich um die einzigen Spuren des Lasters, die ich in Basel entdecken konnte. Logische Folgerung: Ganz Basel feierte hier. Diese Häufchen (Häufli?) - das erzwingt schon das Gesetz der Logik - sind also des Schweizers ganze Schande. Sodom Berlin, Gomorrha Basel.
Erschüttert trete ich den Rückzug an. Mein Schweizbild ist zusammengebrochen. Weiterhin bleibt die Schweiz ein dunkler Kontinent. Ob er allerdings für Bundesdeutsche überhaupt erforschbar ist, bleibt schon aus finanziellen Gründen mehr als fraglich, denn billig ist woanders. Nachdem ich einen halben Monatsverdienst von weichen Euro in harte Franken umgetauscht hatte, blieb ein winziges Geldhäufchen, für das ich mir ein trockenes Brot und ein Glas verdünntes Leitungswasser leisten konnte. Möglicherweise auch die Erklärung für den Zustand des Schweizer Films? Vielleicht ist es einfach zu teuer in der Schweiz Filme zu drehen?
Wie auch immer, Sieben Berge bemüht sich im Sinne der Völkerverständigung die kulturellen Schranken zur Schweiz zu überwinden. Erst in der Tram zum Badischen Bahnhof erblickte ich ein Zeichen der Hoffnung:
Es gibt Hilfe, Rettung naht. Auch die Schweizer gehen auf Bundesdeutsche zu und bieten Kurse für exotische Fremdsprachen wie Japanisch und Baseldeutsch an. Immerhin. Damit scheint der Fortgang der Aktion "Zeit für DÖS" gesichert.











Wo ist Deine Jahresliste? :D
AntwortenLöschen@Rajko: Du beliebst zu scherzen. Ich habe 2011 genau eine Monatsliste erstellen können, viele Wochen(Monate) fielen zum Filmsehen fast ganz aus. Gemessen an den guten Vorsätzen ein Desaster, das diesen Blog an den Rand der Einstellung brachte. Nur weil ich weder die aktuelle Kinolandschaft abbilde, noch die DVD-Neuerscheinungen oder das Fernsehprogramm bespreche, fällt das vielleicht nicht ganz so stark auf. Traurig, aber wahr.
AntwortenLöschenAndererseits hat das Sporadische dieses Blogs, weil hier wahrscheinlich sowie kein Leser vorbeikommt, der sich ernsthaft und/oder regelmäßig über das Geschehen informieren will, dem ganzen Projekt übers Jahr geholfen. Im Prinzip sieht es für 2012 ähnlich aus, genau werde ich es erst im Laufe der nächsten Wochen abschätzen können.
Ich überlege mir ernsthaft, ob ein eigener Blog wirklich für mich die ideale Form ist, um meine sehr gelegentlichen Reviews zu veröffentlichen. Im Moment geht's halt im gewohnten Minimalbetrieb weiter.
Im Übrigen bin ich gerade erst wieder aus dem Urlaub zurück und staune über die umfassenden, riesigen oder gar wahnsinnigen Listen, die in den Blogs der Nachbarschaft zusammengestellt wurden. Da werde ich nach Möglichkeit noch mein Senf dazugeben :D
Aber eine eigene Jahresliste? Oh weh...
Der Teufel ruht im Schatten der Kathedrale.
AntwortenLöschen@Sieben Berge:
AntwortenLöschenIch möchte Deinen Blog nicht missen, also hänge die Einstellungspläne bitte gleich wieder an den Nagel, bevor sie überhaupt abgenommen wurden.
Hatte sogar mal Werbung für Dich gemacht auf Facebook. :D
@Rajko: Das ist sehr nett, aber am mangelnden Wollen liegt es bei mir wirklich überhaupt nicht. 2011 war nur ein einziger Dauerintimkontakt mit der mich umgebenden Restwirklichkeit, die ganz und gar unverschmämte Forderungen an mein Zeit- und Energiereservoir stellte.
AntwortenLöschenVorerst aber geht's Schäufelchen für Schäufelchen hier in der Blogsandkiste weiter.
@Anonym: Sehr scharf beobachtet. Deswegen brachten die mittelalterlichen Baumeister auch überall Dämonenfratzen zur Abschreckung des Bösen an den Kathedralen an, um dem Teufel den Zugang zu verwehren. Also lungert er draußen herum. Ob er aber damals schon China Böller D und Dosenbier hatte, wage ich zu bezweifeln.
AntwortenLöschenVielleicht muss ja über jeden Böller erst einzeln eine Volksabstimmung abgehalten werden?
AntwortenLöschenAber die viel drängendere Frage: Wie machte sich die Nähe der berüchtigten Splatter-Mutti bemerkbar? Lag da nicht eine Ahnung des Grauens über der Stadt?
1. Teil
AntwortenLöschenDu hast dir, o Sieben Berge, eine Route ausgesucht, auf die nur ein deutscher (oder japanischer) Tourist ohne Vorahnung von Basel kommen kann. Tatsächlich war der Münsterplatz einmal von grosser Bedeutung. Aber wir sprechen vom Mittelalter. Damals floss nämlich noch ein Fluss durch die Innenstadt, in den man den Inhalt der Nachttöpfe und den Kehricht entsorgte. Und jetzt weisst du auch, warum sich die Altstadt (Führer zeigen gern die Häuser, in denen sich Erasmus von Rotterdam, Nietzsche und andere Grössen eine Zeitlang aufhielten) in zwei Richtungen erhebt. Die Pfalz, die du hinter dem Münster entdeckt hast, erweist sich übrigens als ausserordentlich praktisch für vergebliche Suizidversuche.
Wer Basel "verstehen" will, sollte einen Gang durch das St. Alban-Quartier wagen. Dort lassen sich hinter hohen Mauern jene Villen erahnen, die vom Basler "Daig" (den reichen Alteingesessenen) bewohnt werden. Man erkennt die Leute an den Lumpen, die sie tragen (sie verlangen von ihren Angestellten, noch schlechter gekleidet zu sein als sie selber). - Entscheidend sind aber diese Mauern, die die Stadt prägen und "Unliebsames" verbergen. So musst du dich nur eine Strasse hinter die Innenstadt wagen, und schon befindest du dich in der Webergasse, die von den Damen des Gewerbes bevölkert ist. Und wer würde vermuten, dass sich hinter dem Gemäuer des hässlichen Gebäudes beim Tinguely-Brunnen eines der besten, jedoch vom "Daig" kritisierten deutschsprachigen Dreisparten-Häuser versteckt? Nachts sind alle Restaurants, an denen du vorbeigegangen bist, voller Gäste. Man sieht sie aber nicht reingehen oder die Mauern verlassen. Ich vermute, man sei hier auf eine praktische Anwendung des Beamens gekommen.
Das pralle Leben findest zu jeder Zeit in der sagenhafte 200 Meter umfassenden Steinenvorstadt. Dort gibt es zwar ausser überteuerten Kinos und Restaurants nichts. Aber spielt es eine Rolle, was sich hinter den Mauern versteckt? Hauptsache, man ist dort. - Und wenn du etwas wirklich Reizvolles unternehmen möchtest: Es ist gerade "in", das hehre Gemäuer des Spalentors vollzupissen. Die schmutzigste Klappe Basels beim Schützenmattpark dürfte sogar selige Erinnerungen an Berlin wecken.
2. Teil
AntwortenLöschenWill heissen: Ich hätte ein paar hundert Fränkli springen lassen, dich aber höchstens durch diverse Museen geschleppt - inklusive anschliessendes Beamen in ein nicht überteuertes Restaurant. Denn Basel, einst mein täglicher Aufenthaltsort, bedeutet mir nicht mehr viel. Ich habe mich in eine kleine Ortschaft im Jura zurückgezogen und durchquere das Tor der symbolischen Mauer nur noch, wenn es unumgänglich ist. Man isst gut in Basel.
Dass wir sauber sind, wussten schon Asterix und Obelix. Wozu Dreck auf der Strasse? Es gibt ihn hinter den Mauern der Banken und Versicherungsanstalten (vielleicht auch in den Villen des St. Alban-Quartiers, wo man gelegentlich einen Mann aus der Renaissance-Zeit mit Kopf unter dem Arm treffen soll). - Basel hat dennoch eine Eigenschaft, die die Stadt auszeichnet: Zürcher leben woanders.
Ich habe mir übrigens erlaubt, dich dem wirklich spannenden Blog Revolver zu empfehlen, weil mir viel an dem liegt, was du schreibst.
@Manfred Polak
AntwortenLöschenDas Grauen macht sich monatlich in Form eines Krächzens in der Nähe des Bahnhofplatzes (nicht des Badischen!) bemerkbar. Esoteriker wollen ein "Sie hat mir einen furchtbaren Haarschnitt verpasst!" vernehmen. Aber du weisst ja: Esoteriker...
@Whoknows: Ich habe hier natürlich nur eine entschärfte und durch die Zensur gefilterte Auswahl meiner Fotos publiziert ;)
AntwortenLöschenDass Basel mehr zu bieten hat, ist mir bewusst, es war übrigens nicht mein erster Aufenthalt in dieser Stadt. Allerdings liegt der letzte schon länger zurück. Damals - es war Sommer und ich noch sehr viel jünger - schlenderte ich ahnungslos am Rheinufer entlang und erblickte unten an der Uferlinie allerlei Menschen bei gar wunderlichen Beschäftigungen. Auch stoppten immer wieder Schweizer und richteten - dreisprachig - ungewöhnliche Ansinnen an mich, aber: tempi passati, so habe ich gehört. Und das sollen ja hier nicht meine Lebenserinnerungen werden.
Natürlich hast Du recht, Basel kann man nur mit ortskundiger Begleitung wirklich entdecken, Schein und Sein liegen oftmals weit auseinander. Für diesmal war es nur ein Neujahrsspaziergang.
Wie wirkt Basel auf einen Bundesdeutschen? Kurz nachgedacht, scheint es mir die Vision einer deutschen Stadt zu sein, wie sie sein könnte, wenn nicht zwei Weltkriege, Inflation und Naziirrsinn von unserem Land in einer welthistorischen Ballermannorgie abgefeiert worden wären.
@Manfred: Das mit den Volksabstimmungen gefällt mir. Sehr einleuchtend. "Hiermit richte ich die zur Entscheidung stehende Frage an die anwesenden Männer des Kantons - Weibsbilder mögen sich gefälligst beiseite halten: Sollen wir den Böller zünden?" (Handzeichen) "Danke" - RUMMS. (Alle fangen sofort an zu fegen und putzen.)
"Asterix bei den Schweizern" habe ich tatsächlich seit meiner Kindheit oft gelesen, sehr oft...
Was hinter Basler Fassaden für ein Grauen lauert - (Kettensägenmassaker im Aktiendepot?) - bleibt späteren Exkursionen vorbehalten :)
Sehr unterhaltsam, was Ihr zu meinem neuen Lieblingsthema der Schweiz schreibt. Als Experte, der schonmal in Basel verweilte (haben den mondänsten McDonald's, den ich jemals betrat), kann ich auch zwei Sachen klarstellen:
AntwortenLöschenAlles ruhig. Verglichen mit Berlin geradezu menschenleer.
Ich kann Dir sagen, wo die ganzen Leute sich aufhalten: In ihren Bunkern.
Hat der Schweizer überhaupt Laster?
Ja, in Zürich schlenderte ich mal durch die Gassen, hier ein Juwelier, dort eine Edelboutique und mittendrin http://www.blogger.com/img/blank.gifdieses Etablissment, in dem ihr mir dann den ganzen Tag die Zeit vertrieb.
@Dirt Diggler
AntwortenLöschenWelcher McDonalds war es? Der beim Bahnhof? :) - Juweliere werden heutzutage in Basel vor allem ausgeraubt. Wenn du Lust hast, können wir gern mal zusammen auf Einkaufstour à la mode gehen.
Vermutlich hat auch Sieben Berge sein Etablissement in der Steinentorstrasse gefunden. Mein ehemals lüsternes Stöhnen in den Gebüschen des Rheinufers dürfte ihn bei dieser Kälte kaum anlocken. Abgesehen davon: Es gibt die Gebüsche gar nicht mehr, nur noch das Tinguely-Museum :P
@ Whoknows
AntwortenLöschenJa, genau der McDonald's war es! Da staunte ich nicht schlecht, auch über die Seelenruhe der Angestellten.
Wir können gerne mal auf Einkaufstour gehen. Du lenkst den Wachmann mit lüsternem Stöhnen ab und ich besorge eine schöne Goldkette für den Alfons. Ich selbst gehe nicht einkaufen, da es meine Mode heutzutage nicht mehr gibt. Ich trage deshalb immer noch den Schlüpfer von vor 30 Jahren.
Zum Glück warst Du nicht in Baden, das zur Silvesternacht jeweils in Morast und Sünde versinkt...
AntwortenLöschen@gabelingeber: Der Basel-Ausflug ist wirklich nur ein sehr gemilderter Auszug meines Expeditonstagebuches, den ich hier ad usum delphini vorstelle.
AntwortenLöschenIch könnte z.B. von einem badischen Krähwinkel berichten, wo sich die Jugendlichen zweier Häuser, die sich in einer engen Gasse gegenüber liegen, aus den Fenstern eine heftige Schlacht mit China Böller D lieferten, bis...
...eine ältere Dame unten entlang ging, um in ihr nebenan gelegenes Haus zurückzukehren. Die unverkennbar von einer bürgerlichen Witwenaura der 1950er Jahre umgebene Dame wurde sofort von beiden Seiten unter Feuer genommen. Kaum explodierten die China Böller neben ihr, vollführte sie Sprünge, die ich nicht für möglich halten hätte und drohte mit höhrenswerten Flüchen und wild gefuchteltem Regenschirm den bösen Buben. Diese antworteten in einem Slang, den ich mal behelfsweise "Aggro Berlin auf Badisch" bezeichne.
Die ganze Szene hatte was Surreales, irgendwo zwischen 19. und 21. Jahrhundert verloren, zwischen Max und Moritz bösen Streichen gegen Witwe Bolte und Lehrer Lämpel auf der einen Seite sowie neudeutscher Verwahrlosung auf der anderen.
Kurze Zeit später passierte ich übrigens anstandslos diese enge Gasse. Irgendwie scheint mir eine sehr finstere Ausstrahlung anzuhaften...