Donnerstag, 29. Dezember 2011

Review: Perrak, 1970

Vielleicht nähert man sich PERRAK am besten, wenn man über die sexuelle Verunsicherung spricht, die Produzenten und Publikum um 1970 gleichermaßen erfasst hatte. Alles, was streng im deutschen Film reguliert und in einer kanalisierten Sexuallandschaft Produzenten und Publikum zur eingedrillten Gewohnheit geworden war, trat plötzlich über die Ufer. Soweit es die öffentlich sichtbare Seite dieses Wandels angeht, scheint die Geschichte sattsam bekannt zu sein. Die schäbige Rückseite, die unzulängliche private Version der Sexwelle wäre hingegen sehr wohl eines Blickes wert. Die Schwierigkeit hierbei dürfte sein, dass provokative Sexploitation oder plakative Abgreiferei so starke Reize bieten, dass die in Moll gestimmten Melodien der Untertöne von Anhängern wie Gegnern dieser Filmepoche meist weniger beachtet werden. Zudem lassen sich die beiden Seiten nicht klinisch sauber trennen, weshalb auch bei Alfred Vohrers PERRAK noch einmal an die Vorderseite der Medaille erinnert werden sollte.


Auch im Nachhinein bleibt es staunenswert: Die Entfaltung der Sexualität im deutschen Genrefilm aus ihrem Symbolkokon vollzog sich innerhalb von zwei bis drei Jahren. Was noch 1965 die Leute als hip ins Kino zog, wirkte 1970 altbacken und verklemmt. Neben der schieren Geschwindigkeit des Umbruchs, verblüfft vor allem seine Breiten- und Tiefenwirkung. Die sexuelle Revolution blieb eben nicht auf die junge Generation oder Bohemekreise beschränkt, sondern gewann quer durch die politischen Standpunkte, gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen eine solche Dringlichkeit in der öffentlichen Wahrnehmung, dass sie die gesamte mediale Produktion zur Einnahme eines Standpunktes nötigte. Egal ob sie als lustvolle Befreiung oder beängstigender Verfall der Sitten empfunden wurde, sie zeigte sich als leistungsfähigste Energiequelle, mit der die Vorstellungskraft des Publikums um 1970 befeuert werden konnte.

Die persönliche oder künstlerische Teilhabe an dieser Energiequelle gestalte sich wenig verwunderlich sehr unterschiedlich. Was die Medien vielfach verstärkt in den öffentlichen Meinungsäther pusteten, dürfte für die Mehrheit meilenweit von der selbsterfahrenen Sexualität entfernt gewesen sein. Nirgendwo herrscht bekanntlich so eine Unehrlichkeit, nirgends wird so gelogen, wie bei der Geschichte der eigenen sexuellen Erfahrungen. Wo aber die eigene Sexualität auch noch privat beschwiegen wurde, wie im Nachkriegsdeutschland der 1960er Jahre, da löste der mediale Amoklauf, der über die Tatsächlichkeit des Wandels hinwegfegte, tiefe Verunsicherung und unstillbare heimliche Neugier aus, die vom Kino mit den bizarrsten „Tatsachen“-Lieferungen der deutschen Filmgeschichte bedient wurde.

Wie jeder im dämmrigen Lampenlicht des Privaten mit dem Wandel zurecht kam, kann man bis heute nur sehr im Ungefähren vermuten. Den Jüngeren fiel die Freiheit vielleicht leichter, weil sie nicht Jahrzehnte der alten Sexualordnung in ihren Körpern stecken hatten. Wo genau Alfred Vohrer sich zugehörig empfand, muss spekulativ bleiben, sicher aber galt er mit seinen 56 Jahren als älterer Mann, dem die Teilhabe an der neuen sexuellen Freiheit nicht mehr als Teil eines jugendlichen Reifeprozesses wie selbstverständlich zufiel. Nur allzu schmerzlich berühren einen die nachlassende Anziehungskraft auf jüngere Partner und die schwindende eigene Potenz. Alfred Vohrer, der zudem im Zweiten Weltkrieg einen Arm verloren hatte (und dies immer möglichst verborgen halten wollte), dürfte die Melancholie des „zu spät“ alles andere als fremd gewesen sein.

So reißerisch und provokativ PERRAK an der Oberfläche Blicke eine Halbwelt wirft, deren Darstellung noch wenige Jahre vorher so nicht möglich gewesen wäre, so schient der perspektivische Blickpunkt durchweg außerhalb zu liegen. Nicht zuletzt durch seine Hauptfigur, den gealterten Kommissar Perrak (Horst Tappert) vom Sittendezernat, wird auch die Perspektive des Zuschauers eben außerhalb der Sphäre der sexuellen Freiheit verankert. Perrak ist durch lange Dienstjahre bei der Sitte mit allen Wassern gewaschen, aber privat blieb er ganz Bürger im Seidenschlafanzug. Er staunt nur über den Wandel der Sitten um ihn herum, als sein Sohn Joschi jeden Morgen mit einer neuen Freundin in seiner Küche steht. Fast schon verborgen hinter all den Sittenschilderungen bleibt die sexuelle Neutralität Perraks. Begehren scheint er privat nicht (mehr?) zu kennen.

Drumherum langt Vohrer dann umso saftiger zu. Echte Transvestiten (damals im Mainstreamfilm durchaus neu) tanzen halbnackt herum, zwielichtige Bordelle mit SM-Sex und minderjährigen Prostituierten, in denen sich der „ehrbare“ Bürger der Wirtschaftswunderzeit tummelt, erforscht Vohrers Kamera in einer Weise zeigefreudig, die ihn noch wenige Jahre früher vor den Kadi gebracht hätte. Perraks und Vohrers Blicke enthüllen, machen den Zuschauer zum Komplizen und Voyeur, aber demontieren vor allem durch die Kraft farcenhafter Groteske die ganze Scheinheiligkeit der Nachkriegsmoral. Trotz ihrer exploitativen Kraft sinken sie aber nie auf die Stufe kumpelhafter Schlüssellochästhetik herab. Vohrers Provokationen rühren aus einer anderen gesellschaftlichen und sexuellen Motivation her.

Ganz zweifellos meinen Vohrers Nuditäten und Obszönitäten auch anderes, als sie offensiv zeigen, durchaus zur Irritation des Publikums, aber ohne es vor den Kopf zu stoßen. Vohrers Blick auf die sexuelle Revolution ist der Blick eines gealterten deutschen Homosexuellen. Seine sexuelle Orientierung war am Set und im Kreise der Filmschaffenden natürlich kein Geheimnis, aber dem allgemeinen Publikum durchaus unbekannt. Unter welchen Bedrängnissen Homosexuelle des Jahrgangs 1914 in Deutschland aufwuchsen, braucht man wohl nicht weiter zu erläutern, die Verborgenheit und Maskierung der Triebe waren praktisch zweite Natur. Die deutsche Sexualmoral, sie lockerte sich zu Beginn der 1960er erst langsam. Schon in seinen Edgar-Wallace-Filmen löckte Vohrer lustvoll und versteckt wider den Stachel. Seine Unverschämtheiten tarnte er als heterosexuelle Unanständigkeiten. Er zoomte im HEXER gierig auf Frauenärsche und im HUND VON BLACKWOOD CASTLE entlang von Frauenbeinen bis kurz vor den Südpol, doch nie hat man den Eindruck, als stünde direktes Begehren hinter dieser nur vermeintlich eindeutigen Blickführung. Immer fängt Vohrer den heterosexuellen männlichen Blick ironisch auf, oft mit einer farcenhaft komischen Auflösung. Siegfried Schürenberg als Sir John giert gewissermaßen impotent nach seinen Sekretärinnen. Lieben aber tut Vohrer sie nicht. Sein liebender Kamerablick gilt allein und ganz verstohlen, ganz unironisch, auch scheu, dem Gesicht seines männlichen Helden Joachim Fuchsberger, der aber unerreichbar blieb.

Nur wenige Jahre später löste sich der sexuelle Maskenzwang im deutschen Film und wie entfesselt nimmt Alfred Vohrer den deutschen Bürger auf eine Geisterbahnfahrt durch die bisher verborgenen Triebwelten, nicht um ihm nun als Zuhälter zu dienen, sondern um ihm den Zwangscharakter der erlittenen Sexualmoral farcenhaft vorzuführen. PERRAK verunsichert im Niemandsland der sexuellen Orientierungen, was Vohrer dem männlichen, heterosexuellen Bürger allein durch die Figur des sexuell neutralisierten Kommissars Perrak unterjubeln kann.

Man sollte nun nicht ins Extrem fallen und in PERRAK einen nur notdürftig getarnten Autorenfilm in Sachen sexueller Befreiung sehen. Natürlich ist PERRAK ein Genrefilm, der zudem ganz in der Tradition der deutschen Kolportage steht. In dieser Hinsicht sieht er sogar ziemlich alt aus, er bedient sich der Muster des Kriminalsreißers, die schon zu Vorkriegszeiten im Umlauf waren. In gewisser Weise hat er damit ein ähnliches Modernisierungsproblem wie auch die Filme Alfred Hitchcocks in den 1960ern, die ebenfalls noch immer alte Muster der 1920er Jahre aufwärmten. Alfred Vohrer stammt ganz aus der Welt des alten Kinos, dem die Welt des neuen Kinos der 1960er Jahre fremd blieb. Als endlich sich die Tür zur Freiheit auftat, war es für Vohrer in vieler Hinsicht schon zu spät. Diese geheime Melancholie schrieb Vohrer seinem PERRAK in den Körper ein, auch wenn er an der Oberfläche das pralle Leben zu verheißen scheint.

75%

2 Kommentare:

  1. Wieder ein sehr schöner Text zu einem interessanten Film (den ich erst vor kurzem (mit Erscheinen der DVD) entdecken durfte) – um so schöner, da es ja in Deutschland keinerlei publizistische Würdigung der Arbeit von Alfred Vohrer gibt. Dem soliden B-Regisseur (fast) ohne Drang zum Höheren gelingt mit »Perrak« (vielleicht ungewollt – aber wer weiß?) tatsächlich so etwas wie die genrehafte Sensationalisierung gesellschaftlicher Umbrüche. Schon das Kiesinger-Bild auf der Müllkippe gleich zu Beginn des Films spricht eine klare Sprache; daß ein Transvestit später meint, er und die seinen stünden »unter dem Protektorat Heinemanns«, ist vielleicht auch nicht nur ein flotter Spruch sondern ein Hinweis auf politische Veränderungen, die einem gewandelten Moralverständnis geschuldet sind. Ich glaube übrigens, daß Vohrer als »reifer« Homosexueller den Wandel nicht nur mit der Melancholie über verpaßtes Leben betrachtet, sondern sich durchaus auf das nun öffentlichere Spaßvergnügen freut, zumal er nun auch den einen oder anderen Scheinwerfer auf die bislang verborgenen heterosexuellen Begierden (die es ja immer gab, die wohl – genau wie die schwule Lust – immer gelebt wurden, über die einfach nur nicht gesprochen wurde bzw. nicht gesprochen werden durfte) richten kann.

    (Da es sich bei »Perrak«, wie Du (m. E. ganz richtig) schreibst, sicherlich kaum um einen »Autorenfilm« handelt, möchte ich kurz auf die Person des Szenaristen hinweisen: Manfred Purzer (hier unter dem wunderbaren Pseudonym Ernst Flügel tätig) verfaßte nicht nur die Simmel-Adaptionen, er schrieb auch Zbynek Brynychs panisch-lüsterne Feminismus-Farce »Die Weibchen« (ebenfalls als E. F.) und später das von Fassbinder verfilmte Nazi-Melodram »Lili Marleen« – das sind so Kontinuitäten, wie sie wohl nur die deutsche Kinogeschichte zu bieten hat.)

    Und jetzt würde ich gerne mal »Das gelbe Haus am Pinnasberg« sehen …

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  2. Da ich z.Zt. unterwegs bin, nur kurz per geliehenem iPhone: deinen Anmerkungen moechte ich nur beipflichten. Mein Text hat sich bewusst im Sinne einer These auf eine Argumentationslinie konzentriert.

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