Samstag, 3. Dezember 2011

Filmliste November 2011

Nach einem Jahr in der Gruft habe ich den Sarg der sanft entschlafenen Rubriken geöffnet und versuche, der monatlichen Filmliste wieder Leben einzuhauchen. Auf Grund der Undercovermission in Mittelfranken hielt sich die Anzahl der gesehenen Filme im November in Grenzen.

Eine dunkle Begierde (A Dangerous Method)
(CDN / CH / D / GB 2011, David Cronenberg ) 40-70%

-Hallo Captain Cronenberg, ihr Raumschiff weicht von Kurs ab und fliegt in einen gefährlichen Dunkelnebel ein. Wie wissen nicht, ob es von da aus weitergeht.
-Cronenberg an Erde: Was wisst ihr von meinem Kurs? Meine Instrumente zeigen an, dass !§“$Evgg355tc-----*******
-Erde an Captain Cronenberg: Wir haben ihre Botschaft nicht ganz verstanden, bitte wiederholen Sie!
Cronenberg an Erde: 34fvjfz568888///***…………….
Erde:???

Der Gott des Gemetzels (Carnage)
(D / F / PL 2011, Roman Polanski) 30% (75%)

Ein Raum reicht für einen Film völlig aus. Alfred Hitchcock nebst vielen anderen, darunter auch der jüngere Roman Polanski, haben es vorgemacht. Aus Theaterstücken kann man tolle Filme adaptieren, trotz der unterschiedlichen dramaturgischen Bedürfnisse der beiden Nachbarkünste. Auch wahr. Der ältere Polanski scheitert an beidem. Ein Drehbuch, das in jeder Minute ruft, nein schreit: BITTE BEARBEITE MICH WEITER FÜR JEDEN FILMISCHEN GEBRAUCH. Die Inszenierung reißt immer wieder gähnende Löcher in jede Art von filmischem Ablauf und Figurenmotivation. Die vier Schauspieler stehen wie beim Boulevardtheater herum wenn sie auf ihren Einsatz warten, um dann hemmungslos draufloszuchargieren. Albern wie Multisterne-Köche in einer TV-Kochshow. Die Schauspielerei der Extraklasseschauspieler wirkt völlig ungebremst von jeder Art Regie, überpointiert und ebenso affektiert im Umgang mit den penetrant auf die Bühne, bzw. ins Bild gerückten Requisiten. DAS HANDY, DER BLUMENSTRAUSS und DIE KUNSTKATOLOGE sind so in den Film gehämmert, als müssten die Zuschauer im hintersten Winkel des Theaters noch mitkriegen, was hier abgeht. Das wirkt alles wie eine private Jux-Probe des Ensembles ohne Regisseur am Abend vor der Premiere. Man macht sich halbbesoffen über das Stück her und amüsiert sich über den eigenen Beruf. Als Bonustrack auf der DVD große Klasse, das hat nämlich seine überaus lustigen Momente, Foster, Reilly, Winslet und Waltz zuzuschauen bei der SCHAUSPIELEREI. Aber dann fragt man sich: Wo ist denn der eigentliche Film zu diesem Bonustrack? Ach, den gibt’s gar nicht? Wie schade.

Rosemary’s Baby
(USA 1968, Roman Polanski) 85%

Als Polanski in Wohnungen noch Filme gedreht hat, die diesen Namen verdienen. Gute Reviews zu diesem brillanten Film überall da, wo die Filmkultur zu Hause ist.

PI
(USA 1998, Darren Aronofsky) 35%

Black Swan
(USA 2009, Darren Aronofsky) 55%

Überambitioniert das Niveau senken - das ist eine Kombination, die echt große Sympathien bei mir weckt. ERASERHEAD entschärft, weil zu „schwierig“? PI bietet sich an. Polanskis REPULSION zu subtil und abgründig? Cronenbergs Körperwandlungen zu schaurig? Dann ist BLACK SWAN der Film der Stunde. Aronofsky erweckt den Eindruck, zu Beginn seiner Filme dem Zuschauer einen Scheck über 1000 Niveau-Dollar auszustellen. Regelmäßig platzt der Scheck mit lautem Knall wegen Unterdeckung. Ob nun zur Deckung immerhin 350 oder 500 Dollar auf seinem Konto waren, spielt keine Rolle. Allein die Enttäuschung, einem Scheckbetrüger aufgesessen zu sein, berührt unangenehm und spricht sehr gegen seine Filme.
Wer nicht beschwert mit den entsprechenden Referenzen im Kopf durchs Leben ziehen muss, sondern „einfach so“ in BLACK SWAN gegangen ist (also ca. 90% des Publikums), hat einen übersichtlich strukturierten Mainstreampsychosofthorrorselbstfindungsfilm gesehen, der sich immerhin in einem Milieu abspielt, das nicht allzu oft in der Welt der Multiplexe ausgewalzt wird. Wohlwollend also Durchschnitt. Andererseits: MIR geht so was auf die Nerven, weil: Wenn einer ständig auf dicke Hose macht und gleichzeitig den Schwanz einkneift, führt das zu peinlichen Verrenkungen im Schritt.

Winchester 73
(USA 1950, Anthony Mann) 80%

Wenn gelungene Klassizität die nahtlose Verschmelzung von Form und Inhalt bedeutet, dann ist WINCHESTER 73 ein geradezu beispielhafter Klassiker. Ohne epische Breite, ohne sentimentale Exkurse erzählt Anthony Mann konsequent und kompakt entlang seines leitmotivischen Gewehrs, das erst gegen Ende den Blick für den eigentlichen Kern der Geschichte freigibt. James Stewart, wie fast immer brillant, darf hier – für Hollywoodverhältnisse von 1950 – an seinem Saubermannimage immerhin auch etwas kratzen.

Perrak
(D 1970, Alfred Vohrer) 75%

Der Hund von Blackwood Castle
(D 1968, Alfred Vohrer) 65%

Endlich habe auch ich die Qualitäten von PERRAK für mich entdeckt, woran ich allerdings auch nie gezweifelt hatte, da mir Vohrers Edgar-Wallace-Filme schon immer gefallen haben. Aus Begeisterung wurde also DER HUND VON BLACKWOOD CASTLE gleich hinterhergeschoben, da hier das Duo Vohrer/Tappert schon einmal in Aktion zu bewundern war. PERRAK geht über den alten Wallace-Stil deutlich hinaus. Vohrers knalliger Reißer verbindet einen altmodischen deutschen Kolportagebegriff mit der Sexwelle um 1970 und seinem persönlichen Sinn für farcenhafte Provokationen des Wirtschaftswunderbürgertums. Ein Review folgt hoffentlich bald.

About a Boy
(F / GB /USA 2002, Chris + Paul Weitz) 55%

Vor zehn Jahren waren Nick Hornby und Hugh Grant schwer angesagt, schienen sie doch neuen Schwung ins Komödiengenre zu bringen. Aus der Distanz erweist sich der Film aber als ebenso konstruierte RomCom-Konfektionsware wie der übliche Restschamotte. Der Ärger über diese Entdeckung überwog bei mir die Anerkennung der immerhin leidlichen handwerklichen Qualitäten.

Resident Evil: Afterlife
(D / F / GB 2010, Paul W.S. Anderson) 60%

Beim vierten Abgreifen zeigt sich Anderson abermals als erfreulich aufrecht gesinnter Mann der allerleichtesten Muse. Wie sich beim Gang über einen Rummelplatz die Dekorationen der Jahrmarktsstände als zusammengeleimte Klischees der Abziehbilder aus dritter Hand erweisen, so serviert Anderson seinen Labskaus aus der neueren Filmgeschichte. Aber man amüsiert sich auf dieser Ebene an den Schießbuden, beim Autoscooter und auf der Geisterbahn. Anderson will nie mehr sein als ein Rummelplatzdirektor, der dem Maulaffen feilhaltenden Publikum die neusten „Sensationen“ anpreist (3D!).

The Hotel New Hampshire
(CDN / GB / USA 1984, Tony Richardson) 40%

John Irving schreibt dicke Schwarten, die ihm eine internationale Fangefolgschaft eingebracht haben. Solche Wälzer auf Spielfilmlänge einzudampfen, setzt schon einige künstlerische Denkarbeit voraus, die Mr. Richardson als Drehbuchschreiber nicht gewillt war zu leisten. Der Film wirkt wie ein loser Bilderbogen, der jede zehnte Seite des Irvingromans verfilmt. Für Nichtleser von John Irving ganz verzichtbar.

Meine teuflischen Nachbarn (The ’burbs)
(USA 1989, Joe Dante) 40%

Herrlich witzig diese Kultkomödie mit Tom Hanks, die das Vorstadt-Amerika mit all seiner Kleinkariertheit mal so richtig …oder doch nicht? Selige Erinnerungen, öfters inzwischen vergoren zu Retroseligkeit, vernebeln die bittere Erkenntnis im Spätherbst 2011: Das ist deutlich gealtert und voll angestaubtem Witz. Erwartbar abgespulte Schemata der 1980er Komödie, mit ebenso erwartbarem Schlusstwist.

Die Kraniche ziehen (Letjat Schurawli)
(UdSSR 1957, Michail Kalatosow) 80%

Die filmgewordene Entstalinisierung, die Befreiung vom erdrückenden Monumentalismus. Kalatosow entfesselt seine Kamera auf eine Weise, die damals ungeheuer neu und eindrucksvoll wirkte, auch im Westen, heute aber zum Allgemeingut geworden ist. Trotz aller Individualisierung hält er sich im Rahmen des Sowjetpatriotismus der Chruschtschow-Jahre. Wieviele Hoffnungen begleiteten die Lockerungen jener Jahre, wie sehr täuschte man sich am Ende.

13 Kommentare:

  1. Den "Pi" hab ich hier auch schon ewig rumliegen, mal kurz reingeschaut, aber noch keine Motivation gefunden. Wohl aus gutem Grund.

    In "Black Swan" sehe ich gar nicht so viele nicht eingelöste Versprechungen. Eine nette Oper, nicht mehr, nicht weniger.

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  2. Da kehrst du aber manchmal wirklich mit eisernem Besen, andererseits sind die mir vergleichbaren Kritikpunkte nicht aus der Luft gegriffen. Mit den teuflischen Nachbarn mußt du dir vielleicht noch die Hose hochziehen, in meinen Comments gab da sehr viele Freunde des Films.
    Ich weiß, daß Hotel New Hampshire Schwächen hat, aber da ich das Buch nicht kenne, finde ich den Film sperrig aber faszinierend.
    About a Boy ist bestimmt auch Zugangsabhängig. Mich berührt das Setting als solches, deshalb finde ich den Film gut. Ein Vergleich mit High Fidelity ist es jedoch nicht.
    Winchester 73 muß ich auch endlich mal wieder gucken. Rosemary’s Baby auch. Ach.
    Und der Cronenberg Kommentar sagt viel aus. Nicht schlecht, nicht schlecht. Gucken muß ichs trotzdem noch.

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  3. Kann ich so komplett unterstreichen. Vor allem Polanskis Carnage ist ein großes geschwätziges Nichts.

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  4. Kann ich im Großen und Ganzen zu unterschreiben, auch wenn mir die Punktvergabe beim schwarzen Schwan angesichts der erkannten Probleme des Films etwas zu gnädig erscheint. Ich war nach THE WRESTLER ja kurzzeitig mit Aronofsky versöhnt, und bin trotz der ollen Portman als Hauptdarstellerin relativ positiv gestimmt ins Kino gegangen, wurde aber durch diesen ekligen Aronofsky-"Schaut her, wie clever"-Gestus ziemlich schnell genervt. Selbst wenn man mal die guttenberg'schen Anleihen an der Filmgeschichte außer Acht lässt, bekommt es dem Film überhaupt nicht, zwar einerseits gewichtig daherzukommen, auf der anderen Seite aber die Schwarz-Weiß-Malerei des Balletts einfach zu übernehmen. Egal, doofer Film; zum Glück schon fast wieder vergessen.

    ABOUT A BOY fand ich vor einiger Zeit recht nett, weil er sich zumindest anfänglich ein bisschen mehr zutraut, als vergleichbare RomComs. Die Läuterung gegen Ende ist letztlich zwar ebenso vorhersehbar, wie auch reaktionär, alles in allem gefiel mir die Auflösung aber trotzdem besser, als in Hornbys Vorlage.

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  5. "About a Boy" ist einer der wenigen Filme, die ich noch auf einer VHS-Kassette rumliegen habe. Es handelt sich nämlich um die Verfilmung meiner Jugendjahre: Splatti spinnt, und ich will, dass Hugh Grant sie heiratet. So nebenbei töte ich auch noch Enten. - Im Ernst: Vergleich den Film mal mit den anderen Vehikeln, mit denen Grant nach "Four Weddings..." am Leben erhalten werden sollte! Dann wirkt er erstaunlich gut.

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  6. Wie ich sehe, regt sich besonders bei den Komödien Widerspruch. Vielleicht haben sie mich auf dem falschen Fuß erwischt, letztes Jahr hab ich ja sogar noch Standard-RomComs verteidigt.

    Insofern, ich weiss, dass damals "About a Boy" neue Elemente brachte, der Film das Aufwachsen und Verantwortung übernehmen unter veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen zeigt. Die Auflösung folgt dann aber - wie Hitmanski schreibt - in sehr üblichen Bahnen. Nun gut, damit sollte man wohl in diesem Genre leben können. Letztes Jahr konnte ich es anscheinend besser als im diesjährigen Winter meines Missvernügens.

    Bei THE 'BURBS hat es mich selbst überrascht, da ich den 1980er Komödien ja generationsmäßig näher verbunden bin, als viele hier - mal abgesehen von Ape-Man und Whoknows ;)

    Dass ausgerechnet Rajko "Götzendämmerung" Burchardt, der sonst mit dem Hammer philosophiert und reihenweise die falschen Götter vom Sockel stößt, an seinem strengen Methodenwächter vorbei sein Herz an Joe Dante verschenkt, das gehört zu den überraschenden Lichtlein, die mir im Advent 2011 aufgegangen sind. 9/10, wo noch letztes Jahr gegen den "angestaubten" BREAKFAST CLUB spitzfingrig gestichelt wurde. Naja.

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  7. Erwartungsgemäß finde ich persönlich diese Auflistung wieder mal nicht so spannend, aber das gehört ja schon zum Sonntag wie Kirche und Braten.^^

    Es ist allerdings sehr wohltuend (und überraschend) zu lesen, dass du dich tatsächlich den m. E. mit zunehmender Kenntnis seines Schaffens immer deutlicher hervorstechenden Auteur-Qualitäten von Alfred Vohrer nicht verschließt. Ich prickele deinem Text entgegen und empfehle dir dringlichst den Genuss von Vohrers inoffiziellem und dem ersten Film eigentlich absolut ebenbürtigen PERRAK-Sequel, der majestätisch exzessiven "Derrick"-Folge TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT.

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  8. Wie gesagt, Vohrer war mir schon vor PERRAK als Regisseur ein Begriff, ich mag seinen "Reißer"-Stil.
    Von seinen späten Werke nach 1970 habe ich vor langen Jahren (da war ich ungefähr so alt wie Du jetzt) auch einzelne gesehen. Von den Simmel-Verfilmungen blieb mir UND JIMMY GING ZUM REGENBOGEN in Erinnerung. Man hat heute schon vergessen, wie populär Simmel (übertroffen nur noch von Konsalik) in der alten BRD war, mit Auflagen in Harry-Potter-Dimensionen.

    Zu Vohrers späten Fernseharbeiten kann ich nichts Konkretes sagen. Damals, als ich noch öfters Fernsehen geschaut habe, mag ich die ein oder andere Folge aus den betreffenden Serien gesehen haben, nur: damals haben mich Regisseure bei Fernsehserien, gerade bei deutscher Ware, NULL interessiert. Erinnerungen kann ich jedenfalls keine abrufen.

    Der frühe DERRICK könnte allerdings einen Blick wert sein, aber ob ich mir DIE SCHWARZWALDKLINIK oder DAS TRAUMSCHIFF antun muss, nur weil Vohrer sich auch da mal seine Brötchen verdient hat auf die alten Tage?

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  9. hey,

    rosemarys baby ist einer meiner absoluten lieblingsfilme ... hab ich mir kürzlich erst wieder angesehen ...

    black swan fand ich total überbewertet ... ich fand, dass sich der film nicht entscheiden konnte ... ich finde den streifen definitiv überbewertet ... okay, gute schauspieler ... aber für mich war black swan weder fisch noch fleisch.

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  10. Ich freue mich, dass Du diese Rubrik wieder aufnimmst - ich finde dieses Kurzfutter sehr anregend und unterhaltsam!

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  11. Vielen Dank, irgendetwas fehlte diesem Blog auch, wenn nur Langreviews in großen Abständen veröffentlicht werden. Aber wie es so geht: Vor einem Jahr musste ich meine Aktivitäten etwas runterfahren, die Liste wurde ausgesetzt und geriet dann halb unabsichtlich, halb aus Bequemlichkeit auf das Abstellgleis. Dabei will man ja zu viel mehr Filmen etwas schreiben, als nur zu den wenigen, bei denen man zu einem ausführlichen Review kommt. In gewisser Weise also ist die Liste ein Ersatz für das Sehtagebuch, das damals mit viel Enthusiasmus geplant worden war, aber elendiglich einging.

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