Rosenkranz und Güldenstern sind tot, wenn sie denn überhaupt jemals lebendig gewesen waren. An ihre Vergangenheit können sie sich nicht erinnern. Ihre Gegenwart verstehen sie nicht. Ob sie eine Zukunft haben, scheint mehr als fraglich.
Tom Stoppards Film rückt zwei ewige Statisten in die Hauptrolle, die sie aber so recht nicht ausfüllen können oder wollen. Sie stehen im Zentrum einer schicksalsschweren Handlung, die sich trotzdem rings um sie vorbeientwickelt. Niemand weiht sie ein, immer fehlen ihnen die entscheidenden Informationen. Sie werden nur benützt und erfüllen ihre Rolle bis zum Ende.
Was die beiden nicht wissen ist, dass sie Teil der dramatischen Handlung von Shakespeares „Hamlet“ sind. Ihre Nebenrolle dort steht seit vierhundert Jahren fest, ihr Schicksal ist längst besiegelt. „Rosenkranz und Güldenstern sind tot“ meldet ein Bote ganz zum Schluss von „Hamlet“, aber das ist schon mehr ein Nachklang, denn die Entscheidungen sind unabhängig davon gefallen.
Wem der Inhalt von „Hamlet“ nicht mehr ganz gegenwärtig ist, dem sei kurz in Erinnerung gerufen, worum sich das Drama dreht: Um das Misstrauen zwischen Menschen und die Abgründe in ihnen. Hamlet, dem Prinzen von Dänemark, erscheint der Geist seines vor kurzem verstorbenen Vaters, und eröffnet ihm, ermordet worden zu sein. Hamlets Verdacht richtet sich sofort gegen den jetzigen König, den Bruder seines Vaters, der zu allem Überdruss auch noch die Frau seines Bruders, also Hamlets Mutter, geheiratet hat.
Dem König bleibt die düstere Stimmung Hamlets nicht verborgen und so lässt er Rosenkranz und Güldenstern, zwei frühere Gefährten Hamlets, kommen, um ihn auszuforschen. Viele erreichen sie nicht, sie werden vom König nur benutzt und später dann auch von Hamlet, der ihnen noch einen viel übleren, fatalen Streich spielt. Rosenkranz und Güldenstern bleiben Statisten, die wie Schachfiguren von Hamlet und dem König in einem tödlichen Spiel verschoben werden.
Zwei Nebenfiguren umkreisen die bekannte Geschichte Hamlets und versuchen zu verstehen, wie ihnen geschieht. Nie entfernen sie sich weit von den Hauptfiguren der Hamlet-Handlung, mal sind sie unbemerkte Zuhörer, mal haben sie wenige Momente für sich selbst, die sie für absurd-komische Streitgespräche nutzen, in denen sie über die Hintergründe der Ereignisse philosophieren. Nur in jenen Momenten, wo die Handlung von „Rosenkranz und Güldenstern“ wieder mit der von „Hamlet“ zusammenfällt, sprechen sie wortgetreu den shakespeareschen Text ihrer Rollen.
Gary Oldman (Rosenkranz) und Tim Roth (Güldenstern) liefern sich ebenso schlagfertig wie witzig Wortduelle um Spitzfindigkeiten, streifen dabei dauernd philosophische Einsichten und wissenschaftliche Erkenntnisse, kurzum Grundfragen des menschlichen Daseins, um sie im nächsten Augenblick wieder zu vertändeln. Stoppards außerordentlich dichte und gewitzte Dialoge scheinen dem Ganzen auf den ersten Blick etwas von einem Buddy-Movie zu geben, doch klopfen Rosenkranz und Güldenstern keineswegs witzige Sprüche. Ihr Witz entsteht aus der Leichtigkeit und der Geistesgegenwart, mit der sie sich gleichsam tänzerisch die Bälle zuspielen. Oldman und Roth brillieren hier in Rollen, die weitab von dem liegen, womit sie im Kino der neunziger Jahre bekannt geworden sind.
Mit „Rosenkranz und Güldenstern“ verfilmte Tom Stoppard sein gleichnamiges Drama aus dem Jahr 1967. Nie verleugnet der Film seine Herkunft aus dem Theater, nichts an ihm, seine Dialoge, seine Regieeinfälle, seine Schauspielerei, wirkt filmisch.
So bietet Tom Stoppard hier keine filmische Erzählung, die uns etwa die Biographie zweier Randfiguren näher bringen will. Es wäre ein großes Missverständnis, wenn man aus der Inhaltskizze schließen würde, hier werde die Geschichte Hamlets nur mit anderem Blickwinkel oder Schwerpunkt neu erzählt. Rosenkranz und Güldenstern interessieren Stoppard als Menschen ebenso wenig wie Shakespeare. Wir erfahren über den Lebensweg und die Charaktere der beiden im Grunde gar nichts.
Rosenkranz und Güldenstern interessieren nur als Theaterfiguren, die mit den Mitteln des Theaters den „Hamlet“ gegen den Strich bürsten. Dabei greift Stoppard auf dasselbe Mittel zurück, dass schon Shakespeare verwendete: das Spiel im Spiel. Shakespeare lässt seinen Hamlet eine Theatertruppe engagieren, die bei Hofe vor dem König ein Stück aufführen soll, welches unverhohlene Parallelen zur Wirklichkeit zeigt. Hamlet will aus der Reaktion des Königs auf das Schauspiel auf seine Schuld schließen. Das Theater wird hier zum Instrument der Wahrheitsfindung und der Aufschlüsselung der Wirklichkeit.
Stoppards Kunst besteht darin, die Spiel-im-Spiel-Struktur des Hamlet noch erheblich zu verschachteln und damit den Wirklichkeitsgrad der einzelnen Handlungen in der Schwebe zu halten. Gleich zu Beginn treffen Rosenkranz und Güldenstern auf die bewusste Schauspielertruppe im Wald, die ihre Bühne im Wagen mitführt. Sofort beginnen die Schauspieler ein Stück aufzuführen. Am Ende des Films sieht man sie ihre Bühne wieder zusammenpacken und mit dem Wagen abziehen. Man könnte also die ganze „Rosenkranz und Güldenstern“- Handlung dazwischen als bloßes Schauspiel sehen, was sie ja letztendlich auch ist.
Das „Rosenkranz und Güldenstern“- Schauspiel legt sich gewissermaßen um die Hamlet-Handlung, die für Stoppard nur ein Spiel im Spiel ist. Aber die Verschachtelung setzt sich nach innen fort. Unheimlicher- und witzigerweise tritt dabei immer dieselbe Schauspielertruppe auf. Nicht nur lässt Hamlet sein bekanntes Stück aufführen, um den König zu entlarven, auch Rosenkranz und Güldenstern nehmen noch an einer Aufführung der Schauspielertruppe bei, die die künftigen Szenen des „Hamlet“ zeigt, ohne das Rosenkranz und Güldenstern dies bewusst wird. Sie spielen hier im Kleinen sozusagen sich selbst ihr eigenes Schicksal vor, sprich ihren Tod, ohne dass sie es merkten oder gar was ändern könnten. Hamlet dient das Theater als Erkenntnisquelle, Rosenkranz und Güldenstern nicht. Ihre überaus gewitzten Dialoge gewinnen vor dem Hintergrund dieser komplexen Spielverschachtelung noch mal eine ganz neue Dimension der Doppelbödigkeit.
Es spricht für Tom Stoppards großes Talent, diese verschlungene und wendungsreiche Dramaturgie ebenso elegant wie intelligent angelegt zu haben, dass der Zuschauer stets den Eindruck hat, einem wohl gefügten Ganzen beizuwohnen. Die abgründigen philosophischen Fragen zur Wirklichkeit unserer Existenz, zwischen Freiheit und Fremdbestimmung, werden geradezu leichthin von Rosenkranz und Güldenstern aufgeworfen. Stoppards Stück stellt sich dabei immer selbst die Frage, inwieweit die Institution Theater solche Fragen überhaupt mit ihren Mitteln beantworten kann und ob man aus dem Spiel mit der Wahrheit tatsächlich Erkenntnisse gewinnen kann. Vielleicht haben sich schon viele der besten Theaterautoren aller Zeitalter ähnliche Fragen gestellt, nicht zuletzt Shakespeare selbst. Stoppard wollte aber nicht abgehobene überzeitliche Weisheiten, sondern deren Anwendung auf die moderne Welt des Jahres 1967 bieten, weswegen er nicht Hamlet selbst, sondern Rosenkranz und Güldenstern zu seinen Helden machte.
Spielten in Shakespeares Dramen Könige und Feldherren die Hauptrolle, so drückt Stoppard, als Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts, eine spezifisch moderne Erfahrung aus, wenn er den alltäglichen Jedermann in den Mittelpunkt stellt, der anonymen Gewalten ausgeliefert ist. Auch wenn er glaubt mitzuspielen, ist er oft nur Teil eines unüberschaubaren Prozesses. Meist bleibt er machtloser Zuschauer. Rosenkranz und Güldenstern sind dieser Jedermann, sie sind sozusagen unsere philosophischen Zeitagenten, die zurück in die Theaterwelt Shakespeares geschickt werden, um die Lebenswahrheit und Aktualität seines „Hamlets“ für uns deutlich werden zu lassen. Mehr noch, sie lassen die Möglichkeiten und Grenzen der Kunstform Theater überhaupt aufscheinen, indem sie bis an deren Grenzen gehen.
So brillant dies Stoppard 1967 im Drama auch gelungen ist, so wenig spektakulär nimmt sich der Film von 1990 dagegen aus. Er steht ganz im Dienste des Theaters und ist in diesem Sinne sehr geglückt, aber man käme nie auf die Idee, Stoppard könnte hier im Film – mit rein filmischen Mitteln - eine ähnlich raffinierte Selbstbefragung des Mediums im Sinn gehabt haben, wie im Theater.
Nicht ganz unproblematisch für ein heutiges Filmpublikum ist die Tatsache, dass man den „Hamlet“ kennen sollte, um viele der Anspielungen und rasanten Wendungen überhaupt zu verstehen. Tom Stoppard konnte 1967, als er sein Stück verfasste, beim damaligen Theaterpublikum solche Kenntnisse als selbstverständlich ansehen. Viele seiner Spielereien mit überlieferten dramaturgischen Strukturen rühren auch aus dem experimentellen Theater der Nachkriegszeit her und mögen heute schon wieder etwas fern gerückt sein. So wird wohl das Publikum von „Rosenkranz und Güldenstern“ leider immer beschränkt bleiben, obwohl von diesem Film im Grunde keine elitäre, betont kunstbeflissene Aura ausgeht.
Wer dem Theater offen gegenüber steht, wird großen Spaß mit Rosenkranz und Güldenstern haben und hoffentlich mehr Gewinn aus dem Gebotenen ziehen, als die beiden Helden, die alles hinterfragen und alle Antworten bekommen, aber trotzdem ahnungslos sterben, weil es ihnen vermeintlich unabänderlich bestimmt ist.
80% als Theaterfilm, merklich weniger als reiner Film.
Erstmals veröffentlicht am 4. März 2008 in der OFDb.

gabelingeber erinnerte mich mal anlässlich einer Kaurismäki-Besprechung an die Verfilmung von Stoppard's Stück. Ich konnte mir das auf der Bühne herrlich absurd wirkende Ding schon damals nicht als Film vorstellen und zögerte eine Sichtung bislang hinaus. Vermutlich käme ich zu einer ähnlichen Einschätzung wie du. Aber vielleicht schaue ich ihn mir früher oder später doch mal an - wenn ich sämtliche Adam Sandler-Filme abgetragen habe. Ups: Geoutet! ;)
AntwortenLöschen@Whoknows: Auf der Bühne stelle ich mir Stoppards Stück auch sehr wirksam vor, habe es aber leider dort nie gesehen. Mir hat der Film recht gut gefallen, aber ich hatte kurz vorher auch den "Hamlet" noch mal gelesen. Ehrlich, ich habe keine Ahnung wie der Film auf Zuschauer ohne Vorwissen wirkt.
AntwortenLöschenAber nun zum Thema Niveau-"Outing":
Seit Wochen habe ich eine echte Schmutz- und Schundphase für diesen Blog angekündigt und lande dann bei Shakespeare. Ich komme vor lauter Kanon nicht zum Schund ;)
Einen schweizer Film wollte ich auch noch für die Aktion DÖS besprechen. Warum also nicht beides verbinden? Hmm...
Schade, dass der erste Schweizer Film in 3D (auch mit der weiblichen Kampfsau aus "Achtung, fertig, Charlie!") noch in den Kinos vor sich hin siecht. Eine bessere Verbindung von Schweizer Film und Schmutz/Schund dürfte sich im Augenblick kaum anbieten. ;)
AntwortenLöschen"Seit Wochen habe ich eine echte Schmutz- und Schundphase für diesen Blog angekündigt und lande dann bei Shakespeare. Ich komme vor lauter Kanon nicht zum Schund ;)"
AntwortenLöschenDas erstaunt natürlich kaum, aber ich hoffe, dass du deinen guten Vorsätzen in der nahen Zukunft noch nachkommen wirst. Wie sagte meine Mutter so schön zu mir, als sie mich als kleinen Pimpf mit Schlamm um den Mund im Garten fand? "Eine Prise Dreck am Tag ist gesund."
LOL.
AntwortenLöschenDen Film wollte ich auch schon immer mal sehen (ich erinnere mich ihn mal als Teenager so '98/'99 in mein damals noch echtes Büchlein aus Papier zum Jahrgang 1990 als Sichtungswunsch eingetragen zu haben - ja was man vor dem Internet und PC-Zeitalter so für Listenaufwand betreiben musste) bin aber noch nicht dazu gekommen. Hamlet habe ich zuletzt zwar nicht gelesen, dafür aber mal wieder Branaghs 4-stündigen wortgetreuen und ungekürzten Koloss von 1996 im Original angesehen und -gehört. Das dürfte als Grundlage wohl auch ausreichen. ;-)
Vier Stunden Branagh? Irgendwann muss ich da wohl auch ran. Ach ne, dann doch lieber jetzt erstmal 90 Minuten Schund :)
AntwortenLöschen@Whoknows: Schweizer Schund in 3D? Klingt vielversprechend. Aber ob der hier so schnell erreichbar ist, wage ich zu bezweifeln.
AntwortenLöschenDa ich derzeit in Mittelfranken zu Gast bin, weiß ich nicht, ob es hier irgendwelche vernünftigen Läden gibt ;)
Ist das eigentlich metaphorisch zu verstehen oder bist du wirklich hier irgendwo? o_O
AntwortenLöschenObwohl "Mittelfranken" inzwischen für mich metaphorisch durch ET besetzt ist, bin ich durchaus real hier, allerdings nicht in N, sondern eher beim Todfeind mit "F" ;)
AntwortenLöschenEbenso wie "Sieben Berge" gleichermaßen real wie metaphorisch verstanden werden kann (und soll) :)
"Rosenkranz und Güldenstern" gehörte lange Zeit zu meinen Lieblingsfilmen und ich teile Deine Einschätzung nicht, dass der Film weniger gut funktioniert als das Theaterstück. Im Film verschieben sich die Akzente, ich verstehe ihn weniger als Rflektion über die Grenzen des Theaters denn als Metapher auf das Leben selbst, an dem man teilnimmt, ohne dessen Sinn zu verstehen, weil man "das Stück" (oder den "grossen Sinn" oder wie immer man das nennen will) nicht kennt.
AntwortenLöschenBeide Stücke ("Hamlet" und "Rosenkranz und Güldenstern sind tot") hatte ich hintereinander auf Englisch gelesen und dann den Film geschaut.
Dass er auch auf "Nichteingeweihte" wirkt, konnte ich anlässlich einer Vorstellung im von mir ins Leben gerufenen Filmclub in Brugg (Schweiz) feststellen, wo ich ihn einem grösseren Publikum vorstellte und wo er begeisterte Reaktionen erhielt.
Wenn ich deine Bemerkung recht sehe, unterscheiden wir uns gar nicht so sehr in der Wertschätzung des Films (ich mag ihn ziemlich), sondern eher in der Zugangsweise.
AntwortenLöschenIn gewisser Weise hast du recht, am Ende möchte uns Stoppard (wie Shakespeare) etwas über unsere Existenz mitteilen. Wobei Stoppard natürlich die zivilisatorische Situation der 1960er Jahre vor Augen stand. Mein Review legt seinen Schwerpunkt (vielleicht wird das zu sehr betont) eher auf die Verfahren, die er dabei anwendet. Stoppard ist sich als Mensch des 20. Jahrhunderts der Institutionenkritik und Selbstreflexion der literarischen Moderne bewusst, das prägt in meinen Augen auch sein Stück. Ich stimme dir zu, dass es eine reine leere akademische Spielerei wäre, wenn es sich nur um Formalismen drehte. Aber so ist es nicht, das sehe ich genauso wie du. Einige Sätze dazu stehen ja immerhin auch im Review.
Bei meiner Einschätzung der Publikumswirkung gebe ich zu, von eigenen, höchst unsystematischen und vermutlich wenig repräsentativen Erfahrungen auszugehen. Da gibt es dann zwei Gruppen: die einen interessieren sich fürs Theater, die können mit Shakespeare UND Stoppard etwas anfangen, die anderen interessiert beides eher wenig. Letztere würden nicht mal von selbst auf die Idee kommen, sich einen Film mit einem "so komischen Titel" auszuleihen.
Eine Chance, wie du sie mit deinem Filmclub hattest (was ich Klasse finde), auch direkt ein breiteres Publikum anzusprechen, hatte ich leider nie. Es scheint mir aber eine Ausnahme zu sein (oder täusche ich mich da?).
ein breiteres Publikum
AntwortenLöschenBrugg ist ein kleines Aargauer Provinznest, bei dem man mit etwas Glück auf dem Weg nach Zürich einen Halt einlegt (tat ich zumindest als die Schweiz rettender Wehrmann). :P - Andererseits muss man zugeben: Wenn sich ein Brugger Publikum begeistert zeigt, will das schon etwas heissen. Ich frage mich gerade, womit ich die Leutchen meines 800-Seelen-Nests in eine Filmvorführung locken könnte...
Ich habs: "Ueli, der Knecht" in 3D!
Brugg? Heute tritt auch dieser bisher nie gehörte Name in meinen Gedächtnisurwald ein.
AntwortenLöschenKurz gegoogelt: Wichtigstes Volksfest ist der Rutenzug. Am ersten Donnerstag im Juli werden seit dem 16./17. Jahrhundert frische Ruten für die neuen Schüler geschnitten, um ihnen das 1*1 und das ABC einzubleuen ;) (*)
(*)früher, früher, ich weiss...