Samstag, 26. November 2011

Review: PI, 1997

PI verspricht schon mit seinen gewollt überkontrastierten Schwarzweißbildern Kunst, mit seinen hektischen Schnitten Wahnsinn und Modernität sowie seinem 1990er Elektroscore Zeitgenossenschaft. Max Cohen (Sean Gullette), ein jüdisches Mathematikgenie, das von Aronofsky behauptet wird, indem Zahlenkolonnen am Computer durchlaufen, wobei irgendwelche Diagramme und Formeln aus Mathematikbüchern zwischengeschnitten werden, hat vorgeblich eine weltumstürzende Zahl gefunden und verliert darüber den Verstand. Das wäre das traurige Porträt eines psychisch Kranken. Dann jagt eine Truppe Wallstreet-Ganoven nach Cohens Geheimzahl, weil sie angeblich einen Blick in die Börsenzukunft gewährt. Gleichzeitig jagt eine ultrapuristische jüdische Sekte nach Max, weil sie in seiner Geheimzahl den Schlüssel zu einer messianischen Offenbarung vermutet. Das hört sich insgesamt nach einer John-Grisham-meets-Dan-Brown-Verschwörung an, wird aber von Aronofsky nicht als bloßes Element von Genreunterhaltung verstanden, sondern in vollem Ernst als Herausforderung für Max geistige Integrität inszeniert.


Kindischer Stuss, den selbst bessere Genrefilme nicht mehr zu servieren wagten, wird hier von Aronofsky als existentielle Grenzerfahrung verkauft. Damit es nicht schon bei der ersten Sichtung allen auffällt, drehte Aronofsky in Schwarzweiß mit dem Kontrastregler am Anschlag. So sieht’s eben aus der Sicht eines psychisch angeschlagenen Grenzgängers aus, daran meinte sich Aronofsky anscheinend aus dem Filmstudium noch gut erinnern zu können. Nach fünf Minuten ist allerdings die Figur des Max Cohen umrissen und seine gefährdete Existenz hinreichend verdeutlicht. Forthin wiederholen sich seine Anfälle und die Bildgestaltung erweist sich mehr und mehr als eher modisches Zierrat.

Dafür liefert die DVD einen erstaunlichen Beweis, da auf ihr das Musikvideo zu einem der Elektrotracks der Filmmusik beigefügt wurde, das mit Szenen aus PI unterlegt ist. Noch schneller geschnitten, befreit von der Erzählung einer Geschichte, funktionieren die Bilderfolgen weitaus besser im Zusammenwirken mit der aufgekratzten Musik. Das Musikvideo transportiert recht gut ein nervöses, gereiztes Lebensgefühl aus dem Großstadtleben der 1990er. Nur sollte ja eigentlich das Verhältnis umgekehrt sein im Film. Die Bilder sollen ja einen tragfähigen künstlerischen Entwurf liefern, den die Musik befördert. Was über fünf Minuten Musikvideo Sinn ergab, scheitert über 81 Minuten Film mangels vorhandener Substanz.

PI hat nämlich inhaltlich und formal nichts mit seinem behaupteten Gegenstand zu tun. Mathematik spielt keine Rolle. Wer beim Titel befürchtet hatte, immerhin sein Schulwissen zur elementaren Geometrie entrosten zu müssen, sei beruhigt. Max Cohen brütet nicht mal über fiktive Formeln, sondern über Zahlen, die angeblich eine Bedeutung haben. Gleich zu Beginn behauptet Aronofsky, seine Figur glaube, die Zahlen seien ein der Natur zugrunde liegendes Muster. Im ganzen folgenden Film kommt er nicht ein Zoll über diese banale These hinaus, selbst die klischeebeladenen Andeutungen von Zahlenmystik und Verschwörung bleiben vage. Möglichkeiten und Grenzen der Naturerkenntnis, ihre geschichtliche und kulturelle Bedingtheit, ihre Gefährdungen, religiöser und politischer Wahn, all das interessiert Aronofsky nicht, der Film pfeift stumpf und selbstgefällig sein simples Liedchen. Wie man so etwas intelligent und vielschichtig angeht, haben die Coen-Brüder mit A SERIOUS MAN brillant bewiesen. Fast schon meint man, sie hätten in einigen Momenten PI verulkt.

Es mag nicht ganz fair sein, das Debutwerk eines Regisseurs, das mit geringem Budget gedreht wurde, mit dem größer angelegten Film zweier gereifter Künstler zu vergleichen, aber dies eingerechnet, kann man schon im Ansatz den künstlerischen Qualitätsunterschied spüren. Immerhin mag man Aronofsky zugute halten, seinen Ansatz inhaltlich und formal halbwegs konsequent durchgehalten zu haben. Vielleicht hätte PI als Kurzfilm mit der halben Laufzeit sogar überzeugender gewirkt, wiewohl das die grundsätzlichen Schwächen auch nicht beseitigt hätte. So bleiben den respektablen Bemühungen von Hauptdarsteller Sean Gullette, der Hauptfigur mit ihrer extremen Persönlichkeit Glaubwürdigkeit zu verleihen, von vornherein Grenzen gesetzt.

35%

6 Kommentare:

  1. Ich find den Film total in Ordnung.

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  2. Mir ist natürlich sehr bewusst, dass Aronofsky seit PI das Publikum spaltet. Die einen halten ihn für einen der originellsten Filmemacher der letzten zehn Jahre, die anderen (wie ich) für einen Schaumschläger. Daran wird sich wohl schwerlich was ändern. Er versucht sich am Ungewöhnlichen, gewiss.

    Etwas überrascht es mich, dass ausgerechnet DU den Aronofsky magst. Legst Du nicht immer besonders Wert auf stimmige Inhalte? Auf einen überzeugenden Plot? Wo war der hier?

    Eine Auseinandersetzung mit Mathematik als Erkenntnisform?
    Eine Charakterstudie einer extremen Persönlichkeit?
    Ein Verschwörungsthriller?

    In meinen Augen alles wenig überzeugend angerissen vom Film.

    Könntest du mir erläutern, was du in dem Film siehst? Hab ich da eine Dimension des Films nicht mitbekommen? Oder missverstanden? Bitte um ein bis zwei erläuternde Worte :)

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  3. Ich hab den vor 15 Monaten das letzte Mal gesehen und kein Review dazu, dass ich jetzt heranziehen kann. Daher quasi aus der Hüfte geschossen jetzt.

    Vorab: Für mich muss das kein Film über Mathematik sein, nur weil er PI heißt, das ist ja wie in den USA bei DRIVE jetzt, wo eine Amerikanerin vor Gericht klagt, weil sie mehr Autorennen erwartet hat.

    Ansonsten findet sich die Zahl Pi, was das Mathematische angeht, laut Film in Natur und Kosmos wieder, dient also als Fundament und Schlüssel zum Verständnis allen Seins. Daher dann auch das gewaltige Interesse mehrerer Parteien an Cohens Arbeit, der Drang des Menschen alles zu verstehen und zu wissen, unabhängig davon, ob ihm das gut tut (von Spielberg zum Beispiel ja auch im Finale von INDY 4 umgesetzt). Wobei zugleich die Frage ist, ob das nicht alles nur auf Cohens Paranoia zurück zu führen ist oder tatsächlich existent. Siehe hierzu ja auch Lynchs ERASERHEAD, der Aronofsky als Vorbild zu PI diente.

    Hinzu kommt, dass Cohen beginnt, sich in seinen Forschungen zu verlieren, quasi am Versuch, das Unbestimmbare zu bestimmen, zu zerbrechen und wahnsinnig zu werden droht. Der Niedergang einer Figur durch extreme Fokussierung auf ihre Tätigkeit ist ja ein wiederkehrendes Motiv in Aronofskys Filmografie. Das macht jetzt per se keinen guten Film, aber wenn einem das Motiv bereits zusagt, erklärt sich auch ein generelles Interesse an Aronofskys Œuvre.

    Ich hab den Film das letzte Mal mit dem Fokus des Debüts des Regisseurs gesichtet. Sprich mich nicht eindringlich mit dem exakten Inhalt und seiner Stimmigkeit auseinandergesetzt, sondern die Leistung eines Anfängers beurteilt und fand das okay (Wertung damals von mir 6.5).

    In seiner Summe also fand ich den Film total in Ordnung, visuell sogar ganz gut, auch wenn ich mutmaße, dass die Redundanz mancher Einstellungen möglicherweise störend ausfällt. Angesichts dessen, dass du anscheinend generell nichts mit Aronofsky anzufangen weißt und ihn für überschätzt hälst, sind die 35% vermutlich durchaus vertretbar (da er ja Debütantenbonus erhalten zu haben scheint, gehe ich davon aus, dass gerade die beiden Folgewerke sogar noch 10-20% niedriger bei dir angesiedelt sein dürften).

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  4. Eine Antwort folgt natürlich noch, aber ich muss gerade noch was nachprüfen. Bitte um etwas Geduld.

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  5. So, nachdem ich zum Vergleich mir auch nochmal BLACK SWAN angeschaut habe, hier noch die versprochene Antwort:

    Gewiss, PI muss kein Film über Mathematik sein, das würde vermutlich sein Publikum rasch gegen Null konvergieren lassen. Es geht in diesem Film aber unter anderem um ein Verfahren der Naturerkenntnis mittels mathematischer Strukturen, das wir ja zu Beginn explizit behauptet.

    Selbst mit meinen nur hier und da erweiterten Schulkenntnissen fiel mir aber auf, dass Aronofskys Ansatz nicht nur mathematische Dünnbrettbohrerei, sondern philosophisch und vor allem künstlerisch unergiebig ist.

    Wer sich jemals mit der axiomatischen Grundlegung der Mathematik, den Grenzen der Widerspruchsfreiheit und Vollständigkeit formaler Sprachen beschäftigt hat, weiß zumindest eins: So ungeheuer leistungsfähig die Mathematik ist, sie lässt sich weder auf Logik zurückführen, noch kann sie ihre Grundlagen aus sich selbst garantieren. Die Grundlagen der Mathematik sind ein beunruhigendes Fass ohne Boden.

    Nur: das interessiert Aronofsky überhaupt nicht, im Gegenteil, mir scheint, er hat nicht des blassesten Schimmer von diesen Dingen und ihrer Bedeutung. Denn er müsste sich ja nicht mal mit den Inhalten der Mathematik beschäftigen, sondern künstlerische Gleichnisse für das problematische Verhältnis von Mathematik und Naturerkenntnis entwerfen, wie es etwa die Coen-Brüder in A SERIOUS MAN taten.

    Die geheimnisvolle ZAHL, um die es geht, hat konzeptionell NICHTS mit der behaupteten Mathematik, noch mit den Problemen der Naturerkenntnis zu tun, es handelt sich um einen McGuffin der plattesten Sorte.

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  6. Teil 2:

    Wenn es aber nicht um die behaupteten Inhalte geht, was bleibt?

    Cohen als - wie du zurecht schreibst - in typischer Aronofsky Manier auf eine "Aufgabe" fixierter Mensch. Er wird über dieser Aufgabe "irre" - nur worüber genau, bleibt im Dunklen, da seine Krise ja, wie oben ausgeführt, überhaupt keine inhaltliche Substanz hat. So bemüht sich Sean Gullette respektabel um die Darstellung eines Extremcharakters mit einem nur behaupteten Problem, was in meinen Augen herzlich unergiebig ist.

    Aronofsky nützt die ZAHL in den beiden Verschwörungen wirklich nur als McGuffin, beide Handlungselemente führen jenseits von etwas Genreklamauk nirgendwo hin. Trotzdem wird durch die formale Gestaltung eine Art avancierter, existentieller Grenzzustand künstlerisch behauptet.

    Da sehe ich den Unterschied zu Lynch. Was immer man von dem halten mag, bei ihm geht ja tatsächlich um Grenzzustände. Lynch hat eine metaphysische Haltung, für die er künstlerische Entsprechungen sucht. So diskussionswürdig da vieles sein mag, es führt bei ihm zu faszinierenden filmischen Erkundungen, gerade wenn er, wie etwa in TWIN PEAKS, mit den allerbanalsten Klischees der Soap Opera spielt.

    Davon ist Aronofsky weit, weit entfernt.

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