Montag, 28. November 2011

Review: Eine dunkle Begierde (A Dangerous Method), 2011

Der menschliche Körper war ein Buch für David Cronenberg, voller rätselhafter Symbole, die es zu entschlüsseln galt. Dass man ihn lesen könne, stand außer Frage, nur der Schriftsinn verbarg sich hinter mehreren Bedeutungsebenen. Im Grunde setzten seine psychosomatischen Symbolwelten eine jahrhundertealte Deutungstradition der Welt fort, die Natur emblematisch zu verstehen. Fast alle religiösen und metaphysischen Denkrichtungen folgten diesem Erkenntnisweg, bis der Säkularisierungsprozess der Moderne die symbolischen Weltdeutungen zum Aberglauben herabsinken ließ. Allein die Psychoanalyse gebar ein neues symbolisches Weltverständnis, das - heftig umstritten – der modernen Weltsicht standhalten konnte. Dankbar griffen die Künstler der 20. Jahrhunderts dieses neue Symbolverfahren auf und codierten ihre Welten. Was wäre der Film ohne die Symbolik der Psychoanalyse gewesen, gerade in den Zeiten strengster Zensur? Was wäre Cronenberg ohne sie gewesen?

Seit zehn Jahren weht ein neuer Säkularisationssturm durch sein Werk, der nun zunehmend restlos die psychosomatische Symbolik austreibt. Als traute Cronenberg nicht mehr der Deutungskraft der symbolischen Formen zu, die Gegenwart nach seinen Vorstellungen zu erfassen. Die Geschichte der Gewalt schien ihm in vertrauter Weise nicht mehr zu erzählen zu sein. Mit EINE DUNKLE BEGIERDE erreicht die Entsymbolisierung und Historisierung seines Blicks ein neues Stadium. Zuschauer ohne Werkkenntnisse dürften in dem Film kaum etwas anderes als ein Historienstück über die Entstehung der psychoanalytischen Schule sehen. Bei den Anhängern des alten Cronenbergs herrscht Befremden, Enttäuschung, ja Entsetzen vor. Ist der alte Schreckensmeister doch im gepolsterten Arthouse-Kino der Historienstücke angekommen?

Das verkennt den auf vertrackte Weise doch wieder verdeckten Sinn des Historisierungsmanövers. Die exzessiv verbildlichte Bürgerlichkeit der Schweiz und des alten k.u.k.-Wiens soll keine Behaglichkeitskulisse für den Konsum eines Historienschinkens abgeben, sondern die Brutzelle einer unermesslichen Gewaltentfaltung. Den dunklen Kontinent der Psyche, den Quellpunkt der Gewaltphantasmen, betraten Freud und Jung um die Jahrhundertwende. Keine Wunder, dass die Anhänger der Gewaltreligion des 20. Jahrhunderts diese gefährliche neue Methode verdammten. Diese spalte sich schon zum Zeitpunkt ihrer Entstehung, bedingt durch ihre beiden unvereinbaren Vordenker: Den Rationalisten Freud (Viggo Mortensen) und den Schamanen Jung (Michael Fassbender). Zu den interessanten, weil sehr ambivalent gehaltenen Elementen, gehört die Weigerung Cronenbergs, einen der beiden Wege zu verdammen. Selbst zu Jungs fragwürdigen parapsychologischen Experimenten und Visionen verhält er sich zweideutig und lässt stellvertretend die Grenzgängerin Sabina Spielrein (Keira Knightley) zwischen den beiden Vordenkern pendeln – als Patientin, Ärztin und Geliebte.

Die Geschichte der Gewalt in der Psyche am Vorabend ihrer Entfesslung im Ersten Weltkrieg scheint Cronenbergs Ziel gewesen zu sein, am Ende stehen nicht zuletzt Jungs Visionen vom Blutmeer nördlich des Bodensees. Wie konnte so etwas ausgebrütet werden mitten auf dem Höhepunkt der bürgerlichen Zivilisation Europas? Cronenberg scheint, je älter er wird, der historischen Dimension des psychologisch geschulten Blicks zunehmend mehr zu vertrauen. EINE DUNKLE BEGIERDE formuliert die Vorgeschichte zu A HISTORY OF VIOLENCE, entkleidet sie jeglicher Genreunterhaltung, um sie in das Tarngewand eines bürgerlichen Historienstücks zu hüllen. Das ist natürlich auch ein Stück Erforschung der jüdischen Erfahrung des 20. Jahrhunderts, soweit ich sehe, auch dies erstmalig in Cronenbergs Werk.

Konzeptionell: 80%
Cronenbergfeeling: 0%
Bürgerlichkeit des Weltenbaus: 90%
Tempo: 30%
Dialoglastigkeit: 90%
Keira Knightley Overacting in den ersten Minuten: 95%
Keira Knightley vermöbeln: 100%

10 Kommentare:

  1. Ich fand den so unfassbar "blah" den Film, wäre teils fast eingenickt. Ganz, ganz schlimmer Cronenberg, ging gar nicht, vor allem die Knightley nicht.

    Kann jetzt bei deinem Gewurschtel zwar keine rechte Bewertung rauslesen, der letzte Absatz und die hohe konzeptionelle Bewertung interpretier ich daher mal, dass dir diese Schlaftablette gefallen hat?

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  2. @Flo: Ich befürchtete Schlimmes, aber überraschender Weise fand ich ihn sehr interessant. Wie gesagt: Der alte Cronenberg hat sich nunmehr vollständig verpuppt und gewandelt. Mich hatten A HISTORY OF VIOLENCE und EASTERN PROMISES enttäuscht, da sie die Qualitäten des alten Cronenberg zunehmend weniger sichtbar machten, das Neue aber nur schwer auszumachen war. Man suchte in einer verdünnten Suppe - so schien es damals - nach den verbliebenen Fleischstückchen des Essens von gestern.

    Gestern abend hatte ich nun nach vielen Jahren einen ersten Moment des Verstehens, ich sah im Film das Konzept des neuen Cronenbergs und war darüber so beglückt, dass ich gleich um Mitternacht ein paar frische Eindrücke davon niederschrieb. Nur eine gewurstelte Skizze, ja, eine vager Ideenumriss, das könnte, müsste man eigentlich argumentativ ausbauen.

    Sieht man den Film für sich, hat kein besonderes Interesse an Cronenberg oder dem Thema, so dürfte es in der Tat sehr, sehr schwer sein, diesem Dialogstück mehr als schlaffördernde Wirkung zuzusprechen. Insofern: Dein Eindruck, den ja viele, insbesondere auch Cronenberg-Fans teilen, kann ich sehr gut verstehen.

    Aber ich lehne mich mal aus dem Fenster: mir ist aufgegangen, wohin Cronenberg seit A HISTORY OF VIOLENCE möglicherweise zielt. Und das scheint mir geradezu verborgen in der mit voller Absicht superbürgerlichen Filmwelt. Ich mag mich täuschen, aber die Zukunft wird zeigen, ob dieser neue Cronenberg seinen Kurs in seinen folgenden Filmen weiterhin konsequent hält.

    Ich kann mich irren und das Muster, das ich sah, war ein Phantom, das meinem Wunsch entsprang, Cronenberg habe vor zehn Jahren eben nicht all seine brillanten konzeptionellen Qualitäten verloren.

    Knightley war ...unfassbar beschämend als Hysterikerin und hat mich deshalb auf absonderliche Weise bestens unterhalten.

    Ich fürchte aber, mit meiner Einschätzung etwas allein dazustehen, bin aber in diesem Falle bereit, das auszuhalten.

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  3. o__O

    Hum, Mr. 30%?

    :D :D :D

    Einer muss ja auf dem Flussdampfer MS CRONENBERG die Stellung im Ausguck halten, auch wenn der Captain mit voller Absicht die bekannte Hauptfahrrinne verlassen und durch Nebelbänke ins Ungewisse steuert. Doppelt beglückend, wenn man im Nebel die Umrisse eines neuen Flussarms zu erkennen meint :)

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  4. Den Text finde ich auch grandios.

    Da könnten also irgendwo Qualitäten im Film stecken. Aber ohne Nebelscheinwerfer, die einen durch das Ding navigieren, wird's wohl nichts. Hm, ich sage es ungern, aber was Cronenberg angeht, habe ich so etwas wie ein Urvertrauen in Rajkos Meinung. Mein Interesse, mir den Film anzusehen, tendiert gegen Null. Ich mag diesen neuen Cronenberg nicht und will meinen alten wieder, den, der psychosomatisch agierte. Naja, mal schauen, vielleicht überkommt's mich doch noch mal spontan.

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  5. Also...alle sind von Bord gegangen, während die MS CRONENBERG ins Ungewisse steuert und ich 'ne einsame Party an Bord feiere. Keiner mag Keira Knightley, wenn sie in die Klinik eingeliefert wird und HELP ME DR. DICK trällert - war ja auch nicht der größte Hit.

    Es könnte sich etwas im Nebel verbergen, mehr sag ich ja gar nicht. Vielleicht ist das alles aber auch nur bloße Spökenkiekerei.

    *Nimmt einen kräftigen Schluck aus der Buddel mit dem selbstgebrannten Symbolgeist*

    Den alten Croneneberg gibt's nicht wieder, ebensowenig wie den alten Carpenter. Vergleichsweise scheint mir Cronenbergs Umgang mit der eigenen Legende aber noch interessanter.

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  6. Ach würde sie das trällern, wäre Dirt Diggler natürlich stets zur Stelle!

    Ich wohne ja an der See, naja fast..., wenn die MS CRONENBERG vorbeischaut, springe ich an Board, um den Kapitän mal wachzurütteln - so, wie ich auch jedes Jahr auf der Hanse Sail die GORCH FOCK entere.

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  7. Also Carpenter sortieren wir dann mal lieber neben Argento ein. Sicher ist jeder aktuelle oder kommende desaströse Cronenberg immer noch um einiges interessanter als die gegenwärtigen Outputs dieser beider Herren (soliden Quatsch wie THE WARD möchte ich von Cronenberg nicht sehen, dann lieber hochnotpeinliches Schwimmen in der eigenen geistigen Reliktsuppe, sic). Nur: Warum sich abfinden mit Arbeitsverweigerungen der alten Garde, warum Erklärungsmodelle basteln (was ja gut und wichtig ist), um es sich doch noch irgendwie schönzuschauen (was schlecht und falsch ist)?

    Ich schätze jedenfalls Deinen Ansatz, ADM als "Historisierungsmanöver" betrachtet eine Tarnfunktion zuzuschreiben, mit der wohl die längst nicht mehr nur besorgniserregende Unlust Cronenbergs apotheosiert werden soll. :-)

    Zum Film habe ich mich bei Facebook en detail ausgekotzt, zu einem Review reichte der Wille aber einfach nicht. Dennoch wirklich schöner Text!

    Und auf COSMOPOLIS freue ich mich trotzdem.

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  8. Warum sich abfinden mit Arbeitsverweigerungen der alten Garde, warum Erklärungsmodelle basteln (was ja gut und wichtig ist), um es sich doch noch irgendwie schönzuschauen (was schlecht und falsch ist)?

    Weil die alte Garde eben noch nicht dement im Altenheim vor sich hinschielt, sondern immer noch Filme macht. Was mir persönlich Beweis genug ist, dass sie irgendwie noch ausreichend zurechnungsfähig ist, um ihren Filmen mit Interesse und Respekt zu begegnen.

    Ich könnte jetzt in Gedanken nach Regisseuren kramen, deren Spätwerke zum Zeitpunkt ihrer Erstaufführung überall Spott ernteten und die heute entweder in den Kanon Einzug gehalten oder zumindest eine große Anhängerschaft gefunden haben. Aber das wäre mir zu langweilig zu dieser unchristlichen Stunde - außerdem ein Tropfen auf den heißen Stein, weil die Gaysha es eben viel flutschiger und schmissiger findet, einfach von Arbeitsverweigerung und Verschlockung zu sprechen.

    gez.
    Christoph, der A DANGEROUS METHOD bisher ängstlich gemieden hat, im siebenbergigen Text allerdings genau von dem gelesen hat, was er dem Film im bestmöglichen Fall zutraut.

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