Mittwoch, 12. Oktober 2011

Review: Moritz, lieber Moritz, 1978

Tief in den Siebzigern versunken schlummert Hark Bohms Pubertätsvision „Moritz, lieber Moritz“, obwohl der Film zu den wesentlichen Äußerungen des ehemals „Neuen Deutschen Films“ gehörte, dem zur Entstehungszeit wenig an die Seite zu stellen gewesen wäre. Nicht nur durch die Besetzung wirkt „Moritz, lieber Moritz“ 1978 wie eine Fortsetzung der Kindheitsabenteuer von „Nordsee ist Mordsee“ (1976) in die Träume und Alpträume der Pubertät. Entdeckten die beiden Jungen in „Nordsee ist Mordsee“ ihre Freiheit von der bedrängenden Familie durch eine Flucht per Boot, wie weiland Tom Sawyer und Huckleberry Finn, so setzt „Moritz, lieber Moritz“ ungefähr da ein, wo die „Buddenbrooks“ endeten: mit dem Zusammenbruch eines zweihundert Jahre alten hanseatischen Familienunternehmens.


Vater Struckmann hat das Kunststück vollbracht, innerhalb kurzer Zeit ein uraltes Hamburger Familienunternehmen zu ruinieren, seitdem sitzt er ohne rechte Beschäftigung zu Hause, seine väterliche Autorität löst sich in Nichts auf. Mutter Struckmann hält die Fassade der großbürgerlichen Lebensform in der Villa aufrecht, wiewohl der Gerichtsvollzieher schon unbarmherzig seiner Arbeit nachgeht und sie selbst eine Stelle annehmen muss. Der fünfzehnjährige Moritz (Michael Kebschull) kommt sich zunehmend wie auf einer Geisterbahn vor, hinausgestoßen aus der behüteten Kindheit hinein in eine unüberschaubare Wirklichkeit. Klassenkampf, Heuchelei, Schulterror, offene und verborgene gesellschaftliche Gewalt, Musik, erste sexuelle Gelüste und Todeserfahrungen: Mit atemberaubender Geschwindigkeit entdeckt Moritz Schönheit und Schrecken des Erwachsenwerdens.

Moritz Selbstfindung vollzieht sich zunächst durch die Musik. Zuhause an gediegene, aber brave Jazztöne gewöhnt, übt er am Saxophon, doch erst der Kontakt mit den Jungs aus dem Arbeiterviertel eröffnet ihm auch den Zugang zu einer rauen, neuen Musik, dem Rock. Sprache, Umgangsformen und Lebenswelt der Arbeiterjugend sind ihm fremd, doch deren Musik lässt seine orientierungslosen, heftigen Gefühle erstmals Gestalt werden. Mit dem Gitarristen Uwe (Uwe Bohm) freundet er sich rasch an. Gegen Widerstände und Vorurteile überschreitet er die Klassenschranken und wird Teil von dessen Rockband. In dieser Vision erkennt man am stärksten die Verhaftung des Films in der sozial-liberalen Reformära der 1970er Jahre. Vielleicht sollte man genauer sagen, eigentlich eine Vision der Nachkriegskinder, wie Hark Bohm (*1939) eins ist, die gegen die Zwänge ihrer eigenen Kindheit jetzt die gesellschaftliche Öffnung in ihren Filmen beförderten. In ihrem Optimismus zeigt sich der Film als eine durch und durch sozialdemokratische Gesellschaftsutopie der 1970er Jahre. Aus heutiger Sicht mag einem das in manchen Zügen zu freundlich gezeichnet sein, doch man vergisst, wir hart diese gesellschaftliche Öffnung gegen den rechten Stammtisch und sein Zentralorgan erkämpft werden musste. Hark Bohms Filme sind also auch Zeugnisse dieses Wandlungsprozesses und wurden damals genau deswegen angefeindet.

Moritz zweiter Weg zum Erwachsenenwerden führt über die Erforschung seiner sexuellen Gelüste, den Weg zum anderen Geschlecht. Hier fährt Hark Bohm zweigleisig, indem er diese Aspekte in zwei Storystränge aufteilt. In der Familienvilla hat sich nämlich Moritz attraktive Tante einquartiert, die im Gegensatz zu seiner Mutter, die in ihren Konventionen wie eingemauert scheint, sexuell aktiv und selbstbestimmt handelt. Moritz Begehren kreist um seine Tante, er beobachtet sie heimlich, was natürlich nicht unbemerkt bleibt. Bohms Szenen wirken fast wie ein lapidares Zitat, ein Gegenmodell, ja eine Überwindung der Schlüssellochästhetik der „Report“-Filmwelle. Profitierte diese doch eher parasitär von der lockerer werdenden Sexualmoral, in dem sie exploitativ und voyeuristisch abbildete, was für viele eben noch lange nicht gelebte Wirklichkeit war und eher heimliche Kultivierung der nach außen hin verleugneten Triebe.

Wie anders hingegen Hark Bohm. Moritz Blicke ins Schlaf- und Badezimmer seiner Tante erzählen von seiner erotischen Ichwerdung, vom freieren Zugang der jungen Generation zur erwachsenen Sexualität, die die Beschränkungen der Nachkriegszeit überwunden hat.
In einem zweiten Strang erzählt Hark Bohm von der ersten Liebe Moritz, seiner Zufallsbegegnung mit der gleichaltrigen Barbara (Kerstin Wehlmann). Immer mehr Energie steckt Moritz in die Suche nach Barbara, seine Versuche herauszufinden, wer sie ist und, noch viel wichtiger, ob sie seine Gefühle erwidert. Nicht nur die Wirklichkeit der eigenen Triebe entdeckt Moritz, sondern auch die Wirklichkeit eines Anderen, die elementare und quälende Ungewissheit beim Finden eines Partners, die Einsicht, dass es schön es zu lieben, aber noch unfassbarer, geliebt zu werden. Instinktiv handelt er, um Barbara nahe zu kommen, als er rauskriegt, dass sie im Kirchenchor singt, wird er als Saxophonist auch dort Mitglied. Auch wenn er völlig grotesk so ungefähr das Gegenteil zu betreiben scheint, was er in seiner Rockband anstrebt, das Unvereinbare kommt am Ende doch zusammen. Bohm nimmt die Gefühle und das Gefühlschaos seines Protagonisten ernst, er bricht es nicht ironisch, trotz einiger grotesk-komischer Szenen. Der Ton bleibt intim und zartfühlend und sehr, sehr Siebziger.

Nur eine linear, intim, aber auch etwas betulich erzählte Selbstfindungsgeschichte wollte Hark Bohm dann doch nicht, weswegen er den Filmfluss durch zunehmend schockartige Visionen Moritz’ sekundenweise zerreißt, die gegen Ende immer alptraumhaftere Entsprechungen in der Wirklichkeit finden. Die blutigen Schockmomente standen damals einzig im deutschen Jugendfilm da, ihre revolutionäre Neuheit dürfte sich Menschen, die mit „Saw“-Filmen sozialisiert werden, wohl nur noch archäologisch erschließen. Als ich den Film als Teenager das erste Mal sah, hinterließen sie einen so tiefen Eindruck, dass ich mich noch an Einzelheiten erinnerte, als ich letzten Monat die DVD kaufte und den Film nach vielen Jahren wieder anschaute.

Bohm erspart seinem Helden wie auch dem Publikum nicht die dunklen Seiten des Erwachsenwerdens, die Erfahrung gesellschaftlicher Gewaltverhältnisse, die Konfrontation mit der Sterblichkeit und dem Verlust. Vielleicht das faszinierendste Element am Film ist die Einsicht Bohms, dass ein Pubertierender bekanntlich starke Gefühlsschwankungen entwickelt, deren Heftigkeit mit biederem Realismus kaum beizukommen ist. Moritz sieht sich in der Familie isoliert und unverstanden, einzig seiner Großmutter fühlt er sich verbunden. Er muss mitansehen, wie sie fast gelähmt in Pflegeheimen dahinsiecht und von Familie, Ärzten und Pflegepersonal eher als Objekt behandelt wird, so dass sie nur noch sterben will. Sie will von ihm eine Überdosis Schlaftabletten, und Moritz steht vor der Entscheidung, ob er Sterbehilfe leisten soll. Nicht genug damit, auch in der Schule kommt er mit den herrschenden Verhältnissen immer weniger klar. Ein unfähiger Mathematiklehrer kompensiert seine Defizite mit autoritärer Herrschaft, unter der sich alle ducken. Als Moritz aufbegehrt, bleibt er in der Klasse isoliert und kompensiert seine Niederlagen durch horrorfilmartige Rachefantasien.
Symbolisch tobt Moritz seine Rachefantasien auch in der Wirklichkeit aus, wenn er parteiisch Kröten und Ratten - die Outlaws des Tierreichs - im elterlichen Garten pflegt, hingegen die Katze mit unbändigem Hass in einem eskalierenden Kleinkrieg so drangsaliert, dass dieser Film definitiv nicht für Tierfreunde zu empfehlen ist.

Die Nähe des Todes, die Endlichkeit des Lebens durchzieht den Film als Leitmotiv. Schon zu Beginn, als Moritz auf dem Fahrrad Barbara zum ersten Mal sieht, baut er einen Unfall, der auch schlimmer hätte ausgehen können. Solche Szenen streut Bohm immer wieder ein, um sie gegen Ende in der vielleicht wirkungsvollsten und damals berühmt-berüchtigten Schocksequenz münden zu lassen, die schon fast Splatterformat hat. Wirkmächtig vor allem deshalb, weil sie so völlig unvermutet, aber doch realistisch aus einer Nichtigkeit entwickelt wird und Moritz Einstellung zum Tode ändern wird.

Natürlich kann man gegen den Film als Ganzes viele Argumente bringen. Die jungen Schauspieler agieren öfters ungelenk, aber doch charmant, die Ballung der Ereignisse, die auf Moritz einstürzen, ist schon arg übersteigert, aber doch insgesamt nachvollziehbar motiviert. Schwerer wiegt der historische Abstand zur Welt der 1970er Jahre, der nicht nur den Erzählton etwas betulich, sondern auch manche Vorstellungen Bohms doch als ziemlich optimistisch erscheinen lassen und das glückliche Ende als etwas konstruiert, aber: man gönnt es der Hauptfigur. Und schließlich sind wir ja im Film. Tief in der versunkenen Welt der 1970er Jahre zwar, aber doch in einem anderen Sinne in unser aller Vorzeit, als wir unseren Weg noch suchten.

80%

2 Kommentare:

  1. Eine in jeder Hinsicht wundervolle Besprechung dieses seltsamerweise auch von mir "verdrängten" Films. "Nordsee ist Mordsee" ist viel intensiver in Erinnerung geblieben, was mit den häufigen Fernsehausstrahlungen zu tun haben dürfte. - Der von dir erwähnte Erzählton der 70er Jahre-Filme, der uns damals aktuell vorkam, heute jedoch leicht veraltet wirkt, ist mir erst letzthin anlässlich der Sichtung eines "Klassikers" aus dieser Zeit aufgefallen. Den Titel verrate ich nicht, weil mein Beitrag wenn möglich noch vor Ende Jahr reingestellt werden soll. :)

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  2. @Whoknows: Das verdanken wir alles der "Aktion DÖS" ;) In der Tat hat sie mich dazu gebracht, dieses Jahr "Nordsee ist Mordsee" nicht nur wieder anzusehen, sondern mir auch die DVD zuzulegen. Warum der Film soviel bekannter ist? Vielleicht liegt es am eingängig sprichwörtlichen Titel, während "Moritz, lieber Moritz" heute wohl eher Irritationen auslöst und als Titel viele in die Irre führt über den Charakter des Films.

    BTW: Ich dachte, du bist in einer Blogpause? Aber es ist natürlich sehr schön, wenn da die gewonnene Zeit zum schreiben genützt wird.

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