Eine jahrhundertealte Legende erzählt von den zwei Königskindern, die einander so sehr liebten, aber durch einen tiefen Fluss voneinander getrennt waren. Das Schicksal selbst verhinderte, dass sie zueinander finden und den Fluss überqueren konnten.
Wer nur einen kurzen Ausschnitt von Frank Beyers Film „Königskinder“ gesehen hat, könnte die Überzeugung gewinnen, dies wäre einer der bedeutendsten deutschen Nachkriegsfilme. Fast jede Minute des Films beweist eine Originalität der Bildsprache und Inszenierung, die Anfang der sechziger Jahre kaum ihres Gleichen hatte in Deutschland, Ost wie West.
Wer allerdings dann den ganzen Film gesehen hat, wird ein merkwürdiges Gefühl der Enttäuschung nicht los, das sich bei mir fast gegen meinen festen Vorsatz, diesem Film offen gegenüber zu sein, eingeschlichen hat. Die Hauptschuld trifft die extrem unterschiedliche Alterung seiner einzelnen Elemente, die dem Ganzen unter heutigem Blickwinkel einen Bastardcharakter von formaler Brillanz und inhaltlicher Schablonenhaftigkeit geben. Auf der einen Seite erlebt man eine fast avantgardistische Experimentierfreude, auf der anderen ein Opportunismus, der nur allzu deutlich macht, dass dieser Film unter den rigorosen Zensurbedingungen der DDR entstanden ist.
„Königskinder“ erzählt die Geschichte eines Liebespaares, welches durch seine Opposition zum NS-Staat nicht zueinander finden kann und doch immer durch unsichtbare Fäden mit einander verbunden bleibt. Die Handlungszeit erstreckt sich über ein Jahrzehnt, vom Machtantritt der NS-Diktatur 1933 bis kurz vor Kriegsende. Privates und Politisches vermischen sich unauflöslich, so dass die Liebesgeschichte gleichzeitig eine innere Geschichte Deutschlands unter der Diktatur des Nationalsozialismus miterzählt.
So fern bleibt der Film der historischen Wirklichkeit der dreißiger und vierziger Jahre, dass man ihn als Geschichtsfälschung im Sinne der SED abtun könnte, wenn er denn als Historienfilm gemeint wäre, der die Geschichte der deutschen Kommunisten erzählen soll.
Indes schwebte Frank Beyer etwas völlig anderes vor. Schon der Titel „Königskinder“ weist ja auf den gleichnishaften, legendären Hintergrund des Ganzen. Die drei Hauptfiguren stehen stellvertretend für eine bestimmte moralische Haltung zum Kommunismus und zum Nationalsozialismus.
Michael (Armin Müller-Stahl), der überzeugte Kommunist bleibt den ganzen Film über bei seiner Haltung, er entwickelt sich nicht weiter. Seine Prüfungen bestehen in den psychischen und physischen Extrembelastungen des KZ-Haft und des Kriegsdienstes im Strafbataillon. Abgründe im eigentlichen Sinne des Wortes hat dieser Charakter nicht und so wirkt Armin Müller-Stahl zwar gewohnt souverän, aber doch etwas unterfordert.
Michaels Leben kreist nicht nur um seine Überzeugungen, sondern insbesondere auch um seine Freundin Magdalena (Annekathrin Bürger), die allem politischen Engagement zunächst fern steht. Erst durch die Folgen der Diktatur, die ihr privates Glück beeinträchtigen und dann zerstören, wächst ihr Entschluss, sich selbst zu engagieren.
Die auf den ersten Blick seltsamste Figur ist der SA-Mann Jürgen (Ulrich Thein), die mit erstaunlicher Sympathie von Beyer gezeichnet wird. Im Grunde ein Arbeiter wie Michael, zieht er doch den Kürzeren in der Gunst von Magdalena. Durch die Weltwirtschaftskrise arbeitslos geworden, sieht er seine letzte Hoffnung im Nationalsozialismus und schließt sich der SA an. Trotz seiner Zurückweisung durch Magdalena, trotz seiner politischen Entfremdung von Michael, bringt er den menschlichen Anstand auf, in zwei entscheidenden Situationen seine alten Bekannten vor dem Zugriff des Regimes zu schützen.
Man braucht kaum mehr über den Inhalt andeuten, um zu erkennen, dass hier Idealbiografien gezeichnet werden, die innerhalb einer kommunistischen Geschichtsfabel pädagogisch wirken sollen. Solche didaktischen Absichten, egal welcher ideologischen Ausrichtung, erwürgen meist das Eigenleben der Figuren, da deren Charaktere nur Sinne der vorgegebenen Botschaft funktionieren müssen. Erschwerend kommt bei den DEFA-Filmen noch die historische Ferne hinzu, die durch die Wende von 1989 gerade die sehr politischen Filme stark hat altern lassen.
Es bedarf schon eines filmhistorischen Interesses, um für Derartiges aufgeschlossen zu sein und jenseits der grundsätzlichen Verstaubheit des Genres, auch die beachtlichen künstlerischen Qualitäten zu würdigen. Selbst politisch argumentiert der Film vergleichsweise geschickt auf die Situation der DDR von 1962 hin. Zwar wird der Kommunist Michael stets als positive Hauptfigur vorgestellt, doch wusste jeder, dass eine solche kommunistische Biografie nur auf einen geringen Bruchteil der Bevölkerung der DDR zutraf. Die Masse fühlte sich unpolitisch, hat einst an Hitler geglaubt oder waren selbst kleine Nazis gewesen. Auf dieses Publikum zielt die Figur des anständigen SA-Mannes Jürgen. Aus entschuldbaren Gründen (Weltwirtschaftskrise) vom rechten Weg abgekommen, hat er sich angepasst, aber trotzdem nie an Verbrechen mitgewirkt. Als er während des Russlandkrieges endgültig den verbrecherischen Charakter des Regimes einsieht, findet er wieder zu seinem alten Bekannten Michael. Der Einsicht folgt der Wechsel der Frontseiten.
Die propagandistische Botschaft ans Publikum: Wir wissen, ihr wart in der Mehrheit keine Kommunisten oder Widerstandskämpfer. Aber wenn ihr euch politisch einsichtig verhaltet und jetzt gute Staatsbürger der DDR seid, dann werdet ihr dafür von uns erklärt bekommen, dass ihr einst „anständig“ gewesen seid.
Im Grunde wird hier also eine politische Legende angeboten, die eine nichtkommunistische Bevölkerungsmehrheit für das System der DDR gewinnen soll. Solch stabilisierende Vergangenheitsmythen gab es auch in der Bundesrepublik, doch äußerten sie sich natürlich anders. Hier war es meist die „saubere Wehrmacht“, die von den NSDAP-Bonzen und der SS abgegrenzt wurde. Der „unpolitische einfache Landser“ war selbst mehr Opfer „schicksalhafter Ereignisse“, wie uns das bundesrepublikanische Kino der fünfziger Jahre weismachen wollte. Die Bundesrepublik baute sich nachträglich einen Vergangenheitsmythos, der großen Teilen der Bevölkerung sowohl die psychologisch wichtige Regulierung ihrer gescheiterten Vergangenheit bot, wie auch durch den fühlbaren politischen und wirtschaftlichen Erfolg für eine Mehrheit jeden Tag eine praktische Rechtfertigung erhielt.
Die Anstrengungen der DDR-Vergangenheitspolitik waren ungleich weniger erfolgreich, da das kommunistische Regime durch diktatorische Herrschaft und Mangelwirtschaft nie die Mehrheit auf seine Seite ziehen konnte. Nicht erst seit der Wende von 1989 wirkt daher eine politische Fabel wie „Königskinder“ zweifelhaft und schal. Natürlich – auch wenn das heute viele nicht mehr wahrhaben wollen – wusste 1962 noch niemand, wie es mit der Zweistaatigkeit und dem Systemkampf ausgehen würde. Aber der Bau der Mauer 1961 zeigte, dass die DDR nur gewaltsam durch Zwangsmaßnahmen gegen die eigene Bevölkerung ihre Substanz erhalten konnte. Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse haben die geschichtspädagogischen Elemente schon etwas von einem „letzten Versuch“, an die Zukunft der DDR zu glauben.
So kann man es fast tragisch nennen, dass ausgerechnet dieser Film der formal gewagteste ist, den Frank Beyer je gedreht hat. Radikale Perspektiven aus Unter- und Obersicht, angeschnittene Gesichter, Nahaufnahmen fast im Sergio Leone Stil und expressionistisch übersteigerte Helldunkelkontraste entfernen diesen Film vom „Sozialistischen Realismus“. Kongenial unterstützt von seinem herausragenden Kameramann Günter Marczinkowski wird jedes Bild streng durchkomponiert, die bildfüllenden Objekte, wie knorrige Bäume oder bizarr verwinkelte Stahlstreben auf einem Rummelplatz werden geradezu skulptural herausgearbeitet. Die düsteren Schluchten Altstadtgassen im Laternenlicht mit langen Schatten wecken sogar Erinnerungen an Orson Welles und den „Dritten Mann“.
Hinzu kommt eine raffiniert verschachtelte Erzählstruktur, mit der Erinnerungsrückblenden der drei Hauptfiguren durch symbolische Motive miteinander verknüpft werden. Etwa der Brunnen, an dem sich Michael und Magdalena einst trafen, um im Wasser ihr Spiegelbild zu sehen, oder der Rummelplatz mit seinen Lichtern, Schaukeln und Riesenrädern, zu dem alle drei in der Erinnerung zurückkehren. Die Zeitebenen werden durch komplexe Überblendungen verzahnt und geben der Erzählung die nötige dramatische Spannung. Da auch an den guten Schauspielern, wie Armin Müller-Stahl, Annekathrin Bürger und Ulrich Thein wenig auszusetzen ist, gelingen dem Film immer wieder großartige Momente von emotionaler Wucht und bildlicher Überzeugungskraft.
Was hätte dies für ein Film werden können, wenn sich Frank Beyer frei von ideologischen Vorgaben hätte entfalten können. Wenn er es denn überhaupt gewollt hätte, denn sein Weg vom überzeugten Kommunisten zum Regimekritiker verlief langsam und nicht ohne Widersprüche. Es ist aus heutiger Sicht schwer zu beurteilen, was im Jahr 1962 bei Beyer Vorgabe, was Opportunismus und was ehrliche Überzeugung war. Sein offener Konflikt mit der DDR-Filmzensur begann bekanntlich erst 1965 mit dem Verbot von „Die Spur der Steine“, der sich von kommunistischer Legendenbildung, wie sie in „Königskinder“ praktiziert wurde, verabschiedet hatte. Nicht nur die inhaltlichen Grenzen der künstlerischen Freiheit wurden für Beyer fühlbar, auch die formalen. Die expressive Bildsprache geriet in die Kritik und Beyer musste sich in allen folgenden Filmen sehr zurücknehmen. Man könnte „Königskinder“ demnach als den letzten Versuch sehen, die künstlerische Moderne in die Ästhetik des DDR-Sozialismus zu retten. Nicht ohne Grund schien dies Anfang der 1960er Jahre einigen Künstlern noch möglich, wie insbesondere auch „Der Fall Gleiwitz“ von Gerhard Klein aus dem Jahr 1961 zeigt. Die Kritik am Formalismus beider Filme hat spätestens Mitte der 1960er Jahre eine solche kunstpolitische Hoffnung ins Reich der Utopie verwiesen.
Natürlich leiden auch andere Frühwerke von Frank Beyer etwas unter der Idealisierung des Kommunismus, doch funktioniert „Fünf Patronenhülsen“ als packender Kriegsfilm unabhängig von der politischern Ausrichtung ebenso vorzüglich wie „Nackt unter Wölfen“ durch seine universelle menschliche Dramatik. Gleiches lässt sich von „Königskindern“ nicht sagen, der eben im innersten Herzen an der Überzeugungskraft der kommunistischen Politfabel hängt und folglich daran scheitert.
Nur für historisch und filmhistorisch Interessierte bietet der Film immerhin doch nicht unerhebliche Reize und ein anderes Publikum wird er kaum noch finden. Am Ende überwiegt bei mir dann aber das Bedauern, dass es sich so verhält, denn bei Beyer höre ich noch den Ton eines künstlerisch integren Menschen, der an eine bessere Zukunft glauben will in seinem Land. 1962 schien es ihm noch möglich, dieser Vision fast spätexpressionistisch Gestalt zu geben. So erledigt sein Thema sein mag, so fragwürdig sein Wirklichkeitsbezug, künstlerisch lebt es trotz allem. Und mir bereitet dieser Film weiterhin Unbehagen und einen unauflösbaren Zwiespalt bei der Bewertung.
80% formale Schlüssigkeit
70% historisches Interesse
35% wegen ideologischer Schablonenhaftigkeit
Leicht überarbeitete Fassung des Reviews, das am 17. Februar 2008 zum ersten Mal in der OFDb veröffentlicht wurde.

Sehr interessante Besprechung. KÖNIGSKINDER kenne ich nicht, aber was Du darüber schreibst, würde ich abgeschwächt auch für den vorher gedrehten FÜNF PATRONENHÜLSEN gelten lassen. Der ist zwar nicht formal brillant, aber doch mehr als ordentlich, und er funktioniert als Kriegsfilm gut, wie Du schreibst. Und doch hat er bei mir einen leicht unangenehmen Nachgeschmack hinterlassen. Dass die Internationalen Brigaden hier nur aus Kommunisten bestanden, lasse ich ihm noch durchgehen. Keine Anarchisten, keine Syndikalisten, keine Sozialdemokraten, Liberale oder sonstwas - nun ja. Aber dann diese Ansprache von Geschonneck an seine Mannen: Wenn sie immer zusammenbleiben, werden sie durchkommen, weil sie als Kollektiv unbezwingbar sind. Alle halten sich daran, nur einer schert aus - und der wird prompt erschossen, während alle anderen überleben. Das war mir dann doch zu plakativ.
AntwortenLöschen@Manfred Polak: "Fünf Patronenhülsen" ist ja auch keine historische Schilderung des spanischen Bürgerkrieges, sondern eine Art Wilhelm-Tell- Sage der DDR. Die deutschen Kommunisten der "Internationalen Brigaden" werden sozusagen zu Vorläufern der DDR-Kommunisten, die "am Ende" geschichtlich recht hatten, auch wenn ihr Kampf damals verloren ging.
AntwortenLöschenDie Parolen wirken heute leider sehr aufgesetzt, da würde ich Dir vorbehaltlos zustimmen. Ebenso leider das Titellied vom seinerzeit sehr berühmten Ernst Busch, das etwas die schöne Filmmusik von Joachim Werzlau verdeckt. Und was die Genrelogik angeht: kennen wir das nicht seit "Scream" vom Horrorfilm? Regel 1: wer immer sich von der Gruppe entfernt und sagt "Ich komme gleich wieder" - der kommt niemals mehr wieder ;)
Uff - da muss ich irgendwann mein altes Review von "Fünf Patronenhülsen" auch mal entstauben. Z.Zt. scheinen wir ja beide mit Archivarbeit beschäftigt ;)