Freitag, 28. Oktober 2011

Review: Berlin Chamissoplatz, 1980

Durch eine raumgreifende Geste scheint Rudolf Thome gleich mit der ersten Einstellung sein Revier in „Berlin Chamissoplatz“ zu markieren. Ein Rundumschwenk über die Dächer des Kreuzberger Altbauquartiers könnte man als kraftvolle Inbesitznahme des Handlungsortes verstehen und läge doch falsch damit. Einerseits verankert Thome seinen Film sehr genau in einem bestimmten Umfeld und einer genau fixierten Handlungszeit, andererseits liefert er alles andere als eine soziologische oder gar psychologische Studie. Thome zeigt Menschen, gesellschaftliche Vorgänge und schildert präzise das Milieu, aber taucht nicht ein, sondern überlässt ihnen den Bildraum und sieht gewissermaßen staunend als scheuer Beobachter zu.


Nichts liegt dem Film ferner, als der triumphale oder auch nur dominante Auftritt eines „Meisterwerks“, das seine Wirklichkeit strukturiert deutet oder sie mit auffälligen Stilmitteln dem Kunstwillen eines Regieegos unterwirft. Thomes Stilwille äußert sich im Gegenteil in einer Zurückhaltung gegenüber den Menschen, Dingen und Zusammenhängen, denen er zur Sichtbarkeit verhilft. Das ist umso bemerkenswerter, als Thomes Film sich eines gesellschaftlichen Themas annimmt, nämlich der Kahlschlagsanierung im Westberlin der 1960er und 1970er Jahre, das einen politischen Zugang damals nahezu zwangsläufig erscheinen ließ.

Die Erinnerung an jene Zeit beginnt zu verblassen, als die Bauten des 19. Jahrhunderts den Stadtplanern buchstäblich nur als lästige Relikte galten, heute, da man um Luxussanierungen und Gentrifizierung von Altstadtquartieren die ideologischen Grabenkämpfe austrägt. Nach dem Zweiten Weltkrieg aber wollten die Stadtplaner mit den alten Bauwerken auch den Ungeist der alten Zeit austreiben, die Gespenster der Vergangenheit durch moderne Architektur bannen. In der ummauerten Insel Westberlin räumte man nicht nur rücksichtslos die wiederaufbaufähigen Ruinen ab, sondern überließ die erhaltenen Altbauten dem Verfall, um sie dann zu großflächig abzureißen. Neue Städte in modernem Stil sollten entstehen für eine neue Gesellschaft, ein überaus lukratives Geschäft für Architekten und Baufirmen.

Schon in den 1970er Jahren begannen die Versprechen des modernen Städtebaus ihre Überzeugungskraft zu verlieren, sie lösten weder soziale noch wirtschaftliche Probleme. Die Unwirtlichkeit der Ergebnisse trat allmählich zu Tage. Thome fängt genau diesen geschichtlichen Moment nachlassender Wirkung der Nachkriegsmoderne ein, eine verhaltene, fast unmerkliche Erschöpfung liegt über dem Tun seiner Hauptfigur, dem Architekten Martin (Hanns Zischler). Nach außen hin funktioniert er scheinbar gradlinig und erfolgreich, Thome skizziert seine Welt im Büro, wo er Gespräche mit Investoren führt und auf der Baustelle, wo gewaltige Trabantenstädte entstehen. Feine Risse zwischen Martins Lebensmodell und seiner Lebenswirklichkeit tun sich auf, die Thome einfach geschehen lässt, ohne sie psychologisch oder soziologisch zu erklären.

Im Gegensatz zu seinem Kompagnon läuft Martin nicht mit Krawatte, sondern mit offenem Hemdkragen rum, er lässt sich auf Diskussionen und sogar ein Interview mit den studentischen Mietern im Altbauquartier Chamissoplatz ein, wobei er die Studentin Anna (Sabine Bach) kennenlernt, die das Interview führt und mit der Kamera filmt. Die Studenten haben eine Gegeninitiative zur Kahlschlagsanierung gegründet, sie machen sich zum Sprachrohr der Bewohner. Die Begegnung von Martin und den Studenten steht unter gegenseitigen Vorbehalten, Misstrauen, ja Unaufrichtigkeit. Thome formuliert auch hier nicht alles aus, wiewohl ein Vertrauensbruch von Seiten eines Studenten zum Leitmotiv wird.

Von Beginn an verschmilzt Thome Gesellschaftliches und Privates. Wie die beruflichen Ideale Martins, so sind auch die privaten verflogen, der einstige Schwung des Beginns erlahmte auch hier. Seine zwei Ehen scheiterten, was uns Thome völlig unkatastrophisch mitteilt, indem er beiläufig Martins Alltag als getrennt von seiner Noch-Frau lebender Vater einstreut. Man trifft sich noch, um den Alltag des gemeinsamen Kindes zu organisieren, ohne Streit, ohne Leidenschaft, freundlich. Martins Generation hatte einst den gesellschaftlichen Aufbruch der 1960er Jahre erlebt, nun mit 43 Jahren im Jahre 1980 ist davon bei ihm nicht mehr viel zu spüren. Die Hoffnung, in der Mitte des Lebens neue Impulse empfangen zu können, lebt untergründig in ihm weiter und sie hängt sich an die vierundzwanzigjährige Studentin Anna.

Die Grenzen der Veränderbarkeit seines Lebens erfährt Martin politisch und privat. Die Unbehaglichkeit im Kreise von Annas Freunden will nie weichen, politisch und generationsbedingt bleibt Martin ein Fremdkörper, trotz aller Annäherungsversuche. Thome meidet jede Parteinahme, die Unbehaglichkeit gilt dem Investorenjargon, der in Martins Büro gepflegt wird ebenso, wie dem ideologischen Jargon einiger von Annas Freunden. Die stillschweigende Verteidigung der Individualität könnte man als überaus bürgerliches, um das verbotene Höllenwort aller Filmkritiker zu gebrauchen, sogar bildungsbürgerliches Lebensverständnis bei Thome ansehen (*). Eine ganz erstaunliche Wandlung (oder eben auch nicht), wenn man an den unbürgerlichen Gestus von Thomes Frühwerken aus den 1960er Jahren denkt.

Thome verweigert alle Konventionen der Liebeserzählung durch die Zurücknahme, nein, die Auslassung der romantischen Klischees, indem er die Annäherung zwischen Martin und Sabine in unspektakulären Szenen andeutet, die alle großen Abläufe des Gefühlskinos, welche die Filmgeschichte reichlich anbietet, einfach ausspart. Ebenso verweigert er seinem Paar die Erlösung oder die Verdammung durch die Liebe. Selbst als er einer vermeintlich Standardkonvention des Liebesfilms nachzugeben scheint, der geglückten Reise nach Italien, führt dies zu einem Moment gemeinsam erlebter Schönheit, aber nicht der inneren Verschmelzung beider Lebensvorstellungen. Die Kategorien des Schönen und des Begehrens leben eigentümlich nebeneinander her bei Thome. Das klischeebesetzte Italienerlebnis von Liebespaaren wird komplett ausgehebelt, am Ende scheinen sich Martin und Anna ferner denn je zu stehen, ohne dass aber irgendetwas entschieden wäre.

Mehr als auffällig entsprechen einige von Martins Lebensproblemen denen von Rudolf Thome (*1939), und sei es nur die gemeinsame Generationserfahrung. Man könnte „Berlin Chamissoplatz“ also auch als eine Neuorientierung Thomes in der Mitte des Lebens betrachten. Seine in Schwabing entstanden Frühwerke stehen fast repräsentativ für den Beginn des „Neuen Deutschen Films“, den programmatischen Abschied vom bundesdeutschen Kino der 1950er Jahre. Vielleicht gehört es zu den allzu eingefahrenen Denkschablonen, Filme wie „Detektive“ und „Rote Sonne“ mit dem Ereignissen von 1968 zu identifizieren, sicherlich befördert durch den Auftritt von Uschi Obermaier in beiden Werken. Der bohemehafte Anstrich, den sich beide Filme geben, führt vielleicht sogar in die Irre, denn Thome ist nach Herkunft und Werdegang ein Bildungsbürger wie er im Buche steht. In den 1970ern musste oder wollte er sich umorientieren, wie so viele seiner Generation. „Berlin Chamissoplatz“ bedeutete 1980 auch für Thome einen Neubeginn, eine persönliche und berufliche Bilanz. Dergleichen gerät oft prätentiös und peinlich, aber Thomes zurückhaltender Auftritt kann als ein glücklicher Umgang mit der eigenen Midlife-Crisis gelten.

Thomes Position eines ruhigen und leicht den Dingen entrückten Beobachters rührt nicht allein aus den inhaltlichen und schnitttechnischen Aspekten her. Sie gewinnt ihre künstlerische Besonderheit durch seine eigenwillige Lichtregie. Fast alle Innenszenen werden durch ein starkes natürliches Leuchtlicht vom Fenster her erhellt, künstliche Lichtquellen spielen keine Rolle. Man ginge fehl, wenn man das als Naturalismus verstünde, ganz im Gegenteil. Thome stellt die konventionelle Beleuchtungslehre auf den Kopf. Er orientiert seine Lichter nicht auf die Hauptfiguren, um ihre Gegenwärtigkeit zu steigern oder strukturierte die Bilderzählung nach Bedeutungsschwerpunkten. Vielmehr wird das stark seitliche einfallende Tageslicht selbst sichtbar gemacht im Raum. Das kristallin als solches erkennbare Leuchtlicht moduliert Menschen und Gegenstände aus dem Halbdunkel heraus. Seine Zeigekraft weist den Gegenständen in ihrer Vereinzelung plastische Qualitäten zu. Wenn die Studenten mit Martin in einem Altbauraum um den Tisch sitzen, so gewinnen die Gegenstände auf dem Tisch, wie etwa Gläser und Flaschen durch den Lichteinfall stilllebenhafte Qualitäten. Im Gegenzug bleiben Gesichter oft im Schatten oder treten nur schwach erleuchtet ganz grobkörnig aus dem Dunkel hervor.

Obwohl Thome jede psychologische und soziologische Erklärung verweigert, erschließt sich allein durch die Art seiner Lichtarchitektur die existentielle Krise des Lebensgefühls seiner Hauptfiguren. Man fühlt sich an altmeisterliche Genrebilder und Stillleben erinnert, die durch einen magischen Moment, in dem das Licht den Dingen im Bildraum zu übernatürlicher Gegenwart verhilft, eine ganze Welterfahrung in ihrer Fülle sichtbar, das heißt erkennbar werden lassen.

Thome entlässt uns Zuschauer in einem Moment der Krise, wir wissen weder, wie es mit dem Sanierungsprojekt Berlin Chamissoplatz weitergehen wird, noch ob es eine Zukunft für Sabine und Martin geben wird. Was haben wir gesehen, was haben wir eigentlich erfahren? Thomes Gestus kann man nur schwer begrifflich Gestalt werden lassen. Man kann sein Verfahren negativ als Verzicht, als Ausweichen vor der ganzen erdrückenden Macht geschichtlicher und menschlicher Wirklichkeit sehen. Man kann es positiv aber auch als einen klärenden Ausstieg aus der Betriebsamkeit filmischer Wirklichkeitsverarbeitung sehen, die unsere Kinos beherrscht.

Der Film bereitet mir Schwierigkeiten bei der Bewertung. Nach der ersten Sichtung schien mir seine Originalität unbezweifelbar, die Belastbarkeit und Dauerhaftigkeit seiner Haltung allerdings noch unklar. Aus Verlegenheit: 75%.


(*) Thome langt in Sachen bildungsbürgerlicher Lebenskultur voll hin. Martin singt am Flügel spielend Anna ein Liebeslied und selbstverständlich wird Wein aus passenden Gläsern getrunken. Da zuckt derjenige Teil der Filmkritiker, der sich zu einem beträchtlichen Teil als unbürgerlich verstehen möchte, natürlich innerlich. Das Problem habe ich glücklicherweise nicht. Aus Jux und Dollerei nenne ich Thomes Haltung daher Bildeaze (=Bildungsbürger-Sleaze).

11 Kommentare:

  1. "Seine in Schwabing entstanden Frühwerke stehen fast repräsentativ für den Beginn des „Neuen Deutschen Films“, den programmatischen Abschied vom bundesdeutschen Kino der 1950er Jahre."

    *Stirnrunzel*

    "Papas Kino ist tot, es lebe Papas Kino."

    ^^

    (http://www.sub-bavaria.de/wiki/M%C3%BCnchner_Gruppe)

    AntwortenLöschen
  2. Ok, du hast recht, die Neuanfänge des deutschen Kinos in den 1960er Jahren werden durch meine Formulierung etwas zu sehr vereinfacht. Natürlich gab es unterschiedliche Tendenzen, das ist mir auch bewusst.

    Aber der Impuls des Neubeginns, der Auftritt einer neuen Generation ist bei Thome deutlich spürbar - damals wie heute. Im Geheimen ist dabei stillschweigend auch jede Avantgarde den Älteren verpflichtet (Thome huldigt seinen Vorbildern ja durchaus offen), aber was zählt, ist zunächst der Abgrenzungsgestus.
    "Papas Kino ist tot, es lebe Papas Kino.". Das war zunächst nur ein provokativer Spruch, den man im Kontext damaliger Rivalitäten und programmseliger Zeiten sehen sollte.

    Um das "repräsentativ" etwas zu verteidigen:
    Nach über vierzig Jahren kommen eben auch die jungen Wilden ins Museum bzw. in die Ruhmeshalle. Und Thomes "Rote Sonne" in die "Spiegel-Edition". (Und hattest du mich nicht damals auf die Special-Edition von Detektive aufmerksam gemacht?)

    AntwortenLöschen
  3. "Im Geheimen ist dabei stillschweigend auch jede Avantgarde den Älteren verpflichtet"

    Das ist ein doofer Spruch, wirklich. Hast du den bei WhoKnows abgeschrieben? Vermutlich nicht, und deshalb ist das schon wieder bezeichnend, aber es unterhält mich nicht schlecht.

    Doof deshalb, weil es unfassbar überspannt ist, Thome oder überhaupt die verschiedenen Strömungen, die sich im deutschen Kino damals dem Mief entgegenstellten ("Abgrenzungsgestus", das lässt sich so eigentlich nur auf die Oberhausener anwenden, in deren Topf du mit der von mir herausgegriffenen Aussage Thome ja doch auch geschmissen hast) mit "Avantgarde" in Verbindung zu bringen. Echte Avantgarde ist etwas ganz anderes, etwas, mit dem auch ich noch nicht wirklich vertraut bin, aber im deutschsprachigen Raum ließe sich dem wohl - zeitgleich mit Thome - jemand wie Werner Nekes zuordnen ("wohl" - ich habe in seine Filme bisher nur "hineingesehen").

    Ganz abgesehen von der generellen Binsenweisheit, dass Kino-Avantgardisten selbstverständlich genauso das Technische von den Älteren lernen können, um sich gegen deren ästhetische Werte aufzulehnen, wie junge Musiker mit klassischer Ausbildung in den 70igern gleichfalls Bach und Schubert in den Hardrock-Dreck zogen.:-)

    Thome ist aber nie wirklich ein junger Wilder gewesen und natürlich der Ultra-Bildungsbürger (dieser letzte Absatz unter deinem Text da oben war natürlich eine kaum verschleierte, kokette Spitze in meine Richtung, aber ich muss dich enttäuschen - ging daneben, ich habe nur innerlich die Augen verdreht. Dieser DETEKTIVE-Text, das ist ja schon vier Jahre her - mein Gott, Steinzeit!), aber das ist ja offensichtlich (insbesondere auch, wenn man sein Blog-Tagebuch kennt) und bereitet mir regelmäßig Magenschmerzen, auch wenn ich wider besserer Vorsätze / Vorurteile etwa seinem neuesten Film DAS ROTE ZIMMER trotzdem erlegen bin. Wenn ich darüber nachdenke, stört mich das auch nicht mehr so sehr, auch wenn es für das Prestige, zu dem Leute wie du mich zu verführen versuchen, vielleicht dekorativer wäre, Thome per se scheiße zu finden.

    Ach, hat das gutgetan. Es kann so schön sein, Besserwisser zu überbesserwissern. Hoffentlich kommt jetzt niemand, der mich überüberbesserwissert.

    AntwortenLöschen
  4. Das ist ein doofer Spruch, wirklich. Hast du den bei WhoKnows abgeschrieben? Vermutlich nicht, und deshalb ist das schon wieder bezeichnend, aber es unterhält mich nicht schlecht.

    Super! Das ist schon mal ein klassischer Avantgardegestus: erstmal den verkalkten alten Säcken eins über den Kopf geben, um der eigenen Rezeptionskonfession und damit der jüngeren Generation den Platz auf der Bühne zu verschaffen ;)

    Ich glaube, unser abermaliges Nichtübereinkommen liegt tatsächlich daran, dass wir unter "Bildungsbürger" und "Avantgarde" jeweils etwas sehr anderes verstehen. Für mich umfasst "Avantgarde" begrifflich mehr als nur den Experimentalfilm im engeren Sinne, so wie du es oben ausgeführt hast.

    Avantgarde ist eher eine bestimmte Haltung zur vorherrschenden Tradition und weniger an bestimmte Stileigentümlichkeiten geknüpft, mit denen sie praktiziert wird. Dies meine ich übrigens in weitestem Sinne, nicht nur auf der rein technischen Ebene, die du hier anführst.

    Deswegen tritt Thome in den 1960er Jahren - trotz einer von den Oberhausenern verschiedenen Haltung - als Avantgardist auf, gegen das, was du nun wirklich ebenfalls sehr vereinfachend als den "Mief" bezeichnest.

    Mein "dämlicher Spruch" sollte nur auf den Unterschied von deklariertem (Nicht-)Verhältnis zur Traditon und der künstlerischen Praxis hinweisen, den vielleicht erst aus der historischen Distanz erkennbaren Kontinuitäten oder Umformungen. Aus diesem Grund kann man "Abgrenzungsgestus" sehr wohl auf Thome anwenden, auch wenn er damals und dann in seiner weiteren Entwicklung einen anderen Weg gegangen ist, als den eines Experimentalfilmers.

    Übrigens gilt das auch umgekehrt für Traditionalisten, die nicht müde werden, sich angeblich in einer alten Entwicklungslinie zu sehen, um tatsächlich aber verblüffend Neues zu schaffen.

    Und zu deinem "Detektive"-Text: Mag ja sein, dass Du heute manches anders siehst, aber es ändert nichts daran, dass er beim damaligen Diskussionsstand mir einen wichtigen Impuls gegeben hat, mich mit Thome weiter zu beschäftigen. Wie übrigens auch Sanos Text auf ET.

    Die Spitze des letzten Absatzes war ein von mir emulierter McKenzieismus, mit dem ich mich in der zwielichtigen Kunst der "ehrgeizlosen halbseidenen Polemik" übte, um meinem "anspruchslosen Unterhaltungsbedürfnis" Genüge zu tun ;)

    Wenn ich darüber nachdenke, stört mich das auch nicht mehr so sehr, auch wenn es für das Prestige, zu dem Leute wie du mich zu verführen versuchen, vielleicht dekorativer wäre, Thome per se scheiße zu finden.

    "Zum Prestige verführen"? Ich? Dich? Göttlich! Ich scharre schon mit meinem Bocksfuß, während ich vor dem knisternden Kamin in einem englischen Clubsessel aus Leder sitze und den edlen Rotwein aus einem passenden Glas trinke. Wird McKenzie mir seine reine Rezeptionsreformatorenseele verkaufen? Und dann, verurteilt zu ewiger Prestigeverdammnis, in der Hölle zehntausend Jahre Schlöndorff- und Wenderswerke ansehen muss, um sie in wohlgesetzten ZEIT-Artikeln zu besprechen.

    Ach, hat das gutgetan.

    Ich freue mich immer, deinem seelischen Gleichwichte zuträglich sein zu können.

    Es kann so schön sein, Besserwisser zu überbesserwissern. Hoffentlich kommt jetzt niemand, der mich überüberbesserwissert

    "Wer sich ins Theater begibt, kömmt darin um" ;

    P.S.: Jetzt packe ich (echt!) meine Sachen und fahre samt Laptop für ein paar Tage nach Mittelfranken. Es folgt dann ein Beitrag aus der beliebten Serie "Sieben Berge undercover" :)

    AntwortenLöschen
  5. Scheiße, ich habe aus Versehen als McKenzie gepostet.

    AntwortenLöschen
  6. @ Sieben Berge

    Mit Freude bin ich über deinen Artikel gestolpert und mit Genuß habe ich ihn gelesen. Obwohl ich diesen Thome noch nicht kenne, klingt vieles bekannt, aber die schwer greifbare Ambivalenz die fast alle Filme Thomes durchzieht scheint auch hier die "eigentliche geschichte" zu beherrschen. Dein Text hat mir außerordentlich Lust auf den Film gemacht, und spiegelt auch meine Faszination mit Thome (und der oft etwas schlicht erscheinenden Lichtregie vieler seiner Filme) stark wider.

    Wie auch immer (es ist schwer die Faszination über einen tollen ambivalent-persönlichen Text zu einem unbekannten Film eines geliebten Filmemachers adäquat in Worte zu fassen %-) ): hoffentlich folgt bald die nächste Besprechung eines Thomes. Und es macht mich natürlich etwas stolz, dass ich dir mit meinem Text auf Eskalierende Träume auch einen Anreiz zur weiteren Begegnung mit Thomes Filmen gegeben habe. :-) Christophs "Detektive"-text finde ich übrigens klasse - aber Christoph wohl leider nicht (mehr) ...

    Zu eurer (mal wieder) hitzigen Diskussion habe ich (leider?) nicht beizufügen. Nur das man sich an Thomes "Bildungsbürgerlicher Attitüde" (wenn man das so bezeichnen möchte) wunderbar reiben kann, und diese Auffassung/Ausstrahlung für mich seinen Filmen auch einen ganz eigenen Reiz verleiht. Denn es sind eben nicht so sehr politische/gesellschaftliche/persönliche Statements, sondern die Suche nach etwas, die Flucht und die Reflektion als kombinierte Möglichkeit der neuerfindung die meiner Meinung nach Thomes Filme antreibt (was du ja in deinem text auch herausarbeitest). Das unfertige, das auf Möglichkeitsräume verweist.

    Bei Zweitausendundeins sind übrigens weitere bisher noch nicht zugängveröffentlichte Thomes auf DVD erschienen: Beschreibung einer Insel, Just married, Das Mikroskop, und vielleicht folgen noch mehr.

    AntwortenLöschen
  7. PS: Auf deinen Text bin ich übrigens durch einen Link in Thomes Online-Tagebuch gekommen:

    http://www.moana.de/Blog/Tagebuch/2011/Tagebuch%201011.html

    AntwortenLöschen
  8. @Sano: ET ist ja wirklich kontinuierlich an Thome drangeblieben und das war sicher einer der Gründe, dass auch bei mir das Interesse erhalten blieb. Ansonsten sah es ja früher eher bescheiden mit DVD-Veröffentlichungen aus, so dass man sich schwer ein Überblick über sein Werk verschaffen konnte, wenn man kein ausgeprochener Kenner der Programmkinoszene war. "Berlin Chamissoplatz" wird sicher nicht mein letzter Thome bleiben, der nächste Film steht schon im Regal :)
    Mich interessiert die Haltung und Anmutung seiner Filme.

    Denn es sind eben nicht so sehr politische/gesellschaftliche/persönliche Statements, sondern die Suche nach etwas, die Flucht und die Reflektion als kombinierte Möglichkeit der Neuerfindung die meiner Meinung nach Thomes Filme antreibt

    Das finde ich gut formuliert.

    Zu Christoph/McKenzie: Tja, wenn der alte Text leider nicht mehr seinen gegenwärtigen Stand ausdrückt, dann müsste er sich mal an ein neues Review setzen :) ("Prestige-Review"...Pfff)

    Danke für den Hinweis auf 2001, in dem Laden schaue ich sonst nämlich nur sporadisch vorbei!

    Zum P.S.: Danke ebenso für den Hinweis auf das Tagebuch, die Zugriffsadresse fiel mir wegen des plötzlichen und nachhaltigen Auftauchens in der Statistik schon auf.

    AntwortenLöschen
  9. Ja, Rudolf Thome ist einer meiner großen Favoriten, und auch Anwärter auf den (zugegeben etwas dubiosen) persönlichen Titel "bester/liebster deutscher Filmemacher". Von daher gab es immer mal wieder was zu Thome, und es wird auch noch in Zukunft mehr kommen (zum Beispiel auch in der "deutschen Reihe" = "100 deutsche Lieblingsfilme").

    Ein ausführlicher Essay meinerseits steht sowieso noch aus.

    Das mit den DVD-Veröffentlichungen hat sich inzwischen in der Tat doch noch zum Positiven gewendet, und der Thome-Fan muss nicht mehr (nur) mit alten Fernsehaufzeichnungen auskommen. Aber das ist natürlich teilweise auch nur Glück (und hat vielleicht was mit der Buchveröffentlichung von Norbert Grob zu tun, die ich dir übrigens nur Empfehlen kann. Wahrlich ein Sammelsurium an Autoren, Texten und Dingen zu Thome und dem deutschen Filmschaffen!!). Es gibt ja immer noch unzählige(!) nicht weniger begabte Filmemacher, die auf DVD zu finden teilweise unmöglich oder Zufall/Glück ist (ich nenne mal kurz nur ein paar die ich besonders schätze/die mich besonders interessieren: Maran Gosov, Erich Waschneck, George Moorse, Vlado Kristl, Sohrab Shahid Saless, Ewald André Dupont, Eva Hiller, Zbyněk Brynych Roger Fritz). Tja, das alte Leid: in Deutschland interessiert sich außer ein paar Archivaren, Restauratoren und Enthusiasten niemand für das filmische Erbe.
    Das werden wir aber wohl alle erst schmerzlich merken, wenn es zu spät ist, und die Franzosen in 100 Jahren stolz mal wieder ne Ausstelung/Retro mit tollen Filmen aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts machen (à la "alte Meister vor 200 Jahren"), während wir in Deutschland uns wundern was davon bei uns noch existiert...

    McKenzie wird übrigens schon seit geraumer Zeit von ein paar von uns ETlern zu überreden versucht, doch einen Text zu Detektive für die deutsche Reihe zur Verfügung zu stellen. Wer weiß, vielleicht passiert es ja doch noch, und Christoph wird Thome wieder überaus wohlgesonnen.

    Das mit 2001 hat mich auch erstaunt. Die haben ja so ne DVD-Reihe mit deutschen Filmen gestartet, die wohl auch weiterhin fleißig neues rausbringen soll. Hoffen wir das beste. "Beschreibung einer Insel" und "Das Mikroskop" werde ich mir jedenfalls besorgen. Bin aber etwas skeptisch bezüglich der Qualität/der Transfers (für 7,99..). Lasse mich aber gerne eines besseren Überzeugen.

    AntwortenLöschen
  10. @Sano: Einige 2001-DVDs besitze ich (allerdings keine Thomes) und das waren nach meiner Erinnerung Arthaus-Lizenzausgaben. Nur das Cover wurde neu gestaltet. Preislich allerdings sehr günstig. In Sachen Thome kann man mangels Alternative wohl kaum wählerisch sein. Ich hoffe also mal das Beste.

    Insgesamt hat sich nach langen Jahren beschämender (Nicht-)veröffentlichungsgeschichte des DÖS-Filmerbes auf DVD ja durch diverse Editionen Besserung eingestellt. Nicht nur für Kenner, sondern durch die SPIEGEL-Reihe und die von 2001 auch für eine breiteres Publikum. Was immer man für oder gegen die Filmauswahl dieser Reihen sagen kann, es ist immerhin ein Anfang, auch wenn viele ET-Favoriten noch nicht dabei sein dürften ;)

    AntwortenLöschen
  11. Hmm, das klingt zwiespältig. Die Arthaus-Lizenzausgaben sind von der Quali wohl in Ordnung, aber wenn man da schon einfach vorhandenes "übernimmt", wird man bei den DVD-Neuerscheinungen wohl auch auf Ausgangsmaterial zurückgreifen, das mal besser und mal schlechter sein könnte. Aber um die Thomes (und ein paar andere sicher auch) kommt man wahrscheinlich nicht herum. Mal sehen.

    Das auftauchen zahlreicher Reihen und Editionen über die vergangenen Jahre ist natürlich erst einmal ein gutes Zeichen. Nur hat es bisher an einer Art "zentraler Sammelstelle" gefehlt, bei der dann auch kleinere Filme eine Chance hätten (und man dann nicht parallel schon die gefühlt fünfte Blechtrommel- und dritte Fassbinder-Veröffentlichung bekommt). Ich denke da an etwas wie die teilweise vorbildliche Edition von der Zeitschrift "Der Standard" in Österreich.
    In Deutschland scheint für mich momentan die "Edition Filmmuseum" und neuerdings dann eventuell die Reihe bei "2001" am interessantesten.

    Wie es in der Schweiz aussieht - davon habe ich allerdings sehr wenig Ahnung.

    ET-Favoriten sind bei allen bisherigen Reihen schon dabei, aber mit dem "viele" hast du vollkommen Recht: Es braucht eben viiiiiel meeeehr [;-)] Veröffentlichungen zum deutschen Film. Ich bin da zum Beispiel mit etwas wie den "deutschen Filmklassikern" bei Black Hill prinzipiell sehr glücklich (auch wenn ich das nicht unbedingt zu den von uns diskutierten "Reihen" dazugesellen würde), die viele vergessene Sachen aus den 30ern und 40ern (vor allem eben das Kino der NS-Zeit wieder zum Vorschein bringen.

    AntwortenLöschen