1993 war die Sonne der achtziger-Jahre-Action schon überdeutlich am Untergehen, ihre Stars hatten bereits zu kämpfen. Sylvester Stallone spielt mit dem "Demolition Man" im Prinzip denselben Charakter wie in "Cobra", doch was er einst ganz unironisch zum Vergnügen der Fans durchgezogen hatte, funktioniert hier gewissermaßen nur in Anführungszeichen. Aber immerhin, es funkioniert noch.
Ein harter Bulle (Stallone) aus dem zwanzigsten Jahrhundert wird wegen seines rüden Vorgehens gegen den Superschurken (Snipes) zu Jahrzehnten des "Einfrierens" verurteilt. Als er dann im 21. Jahrhundert erwacht, herrscht eine Gesellschaft der Weichspüler und Waschlappen. Kein Wunder, dass niemand dem entkommenen Superschurken Snipes Paroli bieten kann, außer der aufgetaute Stallone. Der sich natürlich wie die Axt im Walde, der Elefant im Porzellanladen oder eben wie ein Achtziger-Jahre-Klischee-Actionheld aufführt.
Wie soll man den Tonfall des Films beschreiben? Irgendwie wissen Regie und Hauptdarsteller, dass die alten Achtziger-Jahre-Posen nicht mehr ganz für voll genommen werden. Andererseits pflegt man schon hier (1993!) eine gewisse Nostalgie der guten alten Zeit gegenüber. Sandra Bullock dürfte wohl als der erste Old-School-Actioner-Fan in die Geschichte eingehen, denn sie spielt unter den "weichgespülten" Polizisten des 21. Jhs. diejenige, die sich "Fan"-mäßig für die alten Zeiten interessiert und ihre Kampftechniken und Sprüche an uralten Jackie-Chan-Filmen geschult hat.
Die Subtilität der parodistischen Elemente liegt irgendwo im mittleren Holzhammerbereich, aber im Gegensatz zu den anderen "komischen" Rollen Stallones funktioniert "Demolition Man" erstaunlich gut im Zwielicht von freiwilliger und unfreiwilliger Parodie. Stallone schaut noch ganz fit und glaubwürdig für die Rolle mit dem gewohnten Hundeblick in die Welt, lange bevor er als sein botoxisierter Widergänger zurückkam. Bullock war auch mal süß, lange ist es her, und mit Snipes meldet sich eine neue Generation der Actiondarsteller, er wirkt hier schon weit agiler als Stallone je war.
Wirklich die gesamte Genregeschichte des Science-Fictions-Films wird hier herbeizitiert, in einer drolligen Naivität, dass es einerseits zum Mäusemelken ist, aber andererseits mich veranlasst, die Waffen zu strecken. Höchst müßig, hier die einzelnen Verweise zusammenzuklugscheißen. Na gut, die Barbarella-Schändung sei erwähnt, denn als Bullock und Stallone die Kopf-"Sex"-Szene nachspielen, schwankte ich zwischen Facepalmen und Mundwinkelzucken. Nicht mal zum Orgasmus kamen sie, nach etwas "Kopf"-Petting ist Schluss, Stallone verräumt die Alte nicht, Sackzementnochmal. Spätestens da wusste der geneigte Fan: Die Achtziger sind vorbei.
Die Nuller allerdings auch noch nicht erreicht, denn als es zum finalen Duell mit Snipes geht, wird die Bullock von Stallone schlafen geschickt, das ist nun wirklich achtziger Jahre Männersache. Kurzer Hinweis für Leute, denen möglicherweise die Gender-Steinzeit nicht mehr ganz vertraut ist: Die Bullock-Figur ist diejenige, die er am meisten mag und der er noch am meisten zutraut.
65% Genrewertung
Erstmals am 16. Februar 2011 in meinem alten Sehtagebuch veröffentlicht.
Dazu gab es folgende Kommentare im alten Sehtagebuch:
AntwortenLöschenWhoknows hat gesagt…
Ich liebe diesen Film, was bei Streifen mit Stallone nicht oft der Fall ist! - By the way: Kannst du mir erklären, wie die Sache mit der Schale funktioniert? ;)
16. Februar 2011 22:25
Paul hat gesagt…
Ist ja wirklich ein sehr sympathischer, höchst liebenswerter Film. :)
18. Februar 2011 09:45
Sieben Berge hat gesagt…
Höre ich da Ironie?
Liebenswert, liebenswert...hehe
Als Stallone dann im Streifenwagen einen rosa Pullover anfängt zu stricken, verstand der Stallone-Fan die Welt nicht mehr. Erst als er den Ratburger gegessen hatte, war die symbolische Dauererektion wieder halbwegs gesichert.
Wenn nur nicht dieser ewige Zweifel, diese nicht abzustellende Ungewissheit wäre: Wie das mit den Schals nun wirklich funktioniert.
18. Februar 2011 10:20
Paul hat gesagt…
Gar keine Ironie, ich mag den Film total. :)
"Eins, Zwei, Drei" übrigens auch, nur fürs Protokoll. ;)
18. Februar 2011 19:46
Sieben Berge hat gesagt…
Ich bin platt, ihr beide überrascht mich jetzt wirklich. Dabei hatte ich mich kaum getraut, mein verhaltenes Wohlgefallen an diesem ulkigen Film hier zu bekennen.
@Paul: Genau, ich protokolliere hier JEDES Wort mit. Und in zehn Jahren wird dann jeder mit seinen Aussagen von vor zehn Jahren konfrontiert ;)
20. Februar 2011 11:18
Der Außenseiter hat gesagt…
Ich weiß noch, dass ich damals im Kino - als eingefleischter Stallone-Fan - sehr glücklich mit dem Film war. Vor allem weil es, wie Du ja anmerkst, Stallone zu gönnen war, dass er mal wirklich witzig für den Zuschauer 'rüberkam und nicht so bemüht wie in den vorherigen Komödienversuchen. Deine auf Nostalgie setzende Schreibe verschafft mir gerade einen richtigen Flashback. Dieser krude Wechsel vom bestbezahltesten und erfolgreichsten Superstar in den 80ern zum ge(sc)hassten Objekt des Spotts in den 90ern habe ich damals lange Zeit nicht begriffen. Wie konnte das Publikum so wankelmütig sein? Inzwischen weiß ich, dass das der normale Verlauf für Superstars ist, die mal einen Moment "zu" beliebt waren, aber damals war es ein Kampf gegen die anderen und kostete Kraft am geliebten Idol festzuhalten. Aber jetzt klinge ich schon nach den Liedzeilen aus der Retorte eines beliebigen 80er-"You have the power within"-Songs.
23. Februar 2011 12:24
Mag den Film auch, hat meinen Klogang revolutioniert.
AntwortenLöschenDas habe ich geahnt. Viel Spaß noch mit dem Ratburger während der Mittagspause in eurem Blogbüro. Und über einen selbstgestrickten Schal als Weihnachtsgeschenk wird sich Alfons bestimmt freuen.
AntwortenLöschenDen muss er sich erst noch verdienen!
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