Mittwoch, 7. September 2011

Listenwahn: Alfred Hitchcock

Ausnahmsweise muss man kein Filmlexikon kritiklos nachbeten oder in altüberkommenen Kanongesang einstimmen. Auch muss man sich nicht erst ein kompliziertes Theoriemodell bauen, um im Grunde längst fossilierte Kunstablagerungen aus den Tiefen der Filmgeschichte wieder für die gegenwärtige Wahrnehmung interessant zu machen. Gründe, sich für Alfred Hitchcock zu begeistern, erwachsen nämlich noch reichlich aus seinen Filmen, ohne dass es der Überdüngung durch Metatexte bedürfte. Seine Werk hält dem naiven Blick ebenso stand, wie dem historisch gebildeten und theoretisch geschulten. Ein Werk, das sich über ein halbes Jahrhundert erstreckt und die Entwicklung des Mediums vom Stummfilm über den s/w-Tonfilm hin zum Farbfilm nicht nur begleitet, sondern durch herausragende Beiträge auch gestaltet hat.

Im Mai 2010 hatte ich mich spontan zu dieser Werkschau entschlossen und konnte innerhalb weniger Monate den größeren Teil von Hitchcocks Filmen sehen. Damit ist eine direkte Vergleichbarkeit der Seheindrücke gegeben. Grundsätzlich wurde dabei auf die englische Originalfassung zurückgegriffen. Es versteht sich von selbst, dass eine solche Werkschau für den Normalmenschen erst durch das Internet- und DVD-Zeitalter möglich geworden ist.

Die prinzipielle Frage des Sinns oder Unsinns solcher Bewertungen mal außen vor gelassen, noch ein Wort zur Benotung: die Wertungen sollen vor allem das relative Gewicht der Filme untereinander ausdrücken. Bisher habe ich auch keine Wertung unter 40% vorgenommen, womit ich ausdrücken möchte, dass selbst die schwächeren Filme Hitchcocks immer noch sehenswert sind. Bei Filmen, zu denen ich ein Review geschrieben habe, wird darauf verlinkt.

In zeitlicher Reihenfolge nun die Werkschau. Nicht aufgenommen wurden Hitchcocks TV-Arbeiten sowie einige Kurzfilme. Zur besseren Orientierung habe ich das Gesamtwerk in einzelne Schaffensphasen untergliedert.

Hitchcocks frühe Stummfilme kenne ich bis auf die Stummfilmfassung von "Erpressung (Blackmail)" und "Der Mieter (The Lodger)" noch nicht, aber das soll sich bald ändern. Immerhin dürften es die beiden Filme seiner Stummfilmzeit sein, die am deutlichsten schon den späteren Hitchcock ahnen lassen. Diese allgemeine Einschätzung (und wohl auch Selbsteinschätzung des Regisseurs) möchte ich allerdings lieber noch durch eigene Seherfahrung untermauert wissen.

--- Number 13 (1922) ... (unfinished)
--- Always Tell Your Wife [Kurzfilm] (1923) ... (uncredited)
--- Irrgarten der Leidenschaft (1925)
70% Mieter, Der (1926)
--- Bergadler, Der (1926)
--- Easy Virtue (1927)
--- Weltmeister, Der (1927)
--- Abwärts (1927)
--- Farmer's Wife, The (1928)
--- Champagner (1928)
75% Erpressung (1929) Review
--- Manxman, The (1929)

Die frühen Tonfilme in England stellen für eine faire Wertung ein besonderes Problem dar. Im Kontext ihrer Zeit handelt es sich bei vielen sicher um ausgezeichnete Werke, die jedoch im Werkkontext etwas verblassen, da Hitchcock viele Ideen, die er hier erstmals formulierte, später deutlich ausgereifter inszenierte. Um diesen Abstand gegenüber den späteren Werken deutlich werden zu lassen, habe ich keine Note über 80% vergeben. Belastend wirkt sich auch die damalige Kinokonvention aus, viele Filme nur auf 80 Minuten oder weniger anzulegen. Brillante Drehbuch- und Regieeinfälle wirken so über Gebühr verkürzt oder vereinfacht. Auch die schauspielerischen Leistungen in diesen Filmen sind öfters noch sehr flach oder von der Stummfilmästhetik beeinflusst.

80% Erpressung (1929) Review
--- Mord - Sir John greift ein (1930)
--- Juno and the Paycock (1930)
--- Sir John greift ein! (1930)
--- Reich und Berühmt (1931)
--- Bis aufs Messer (1931)
40% Nummer siebzehn (1932)
--- Waltzes from Vienna (1933)
50% Mann, der zuviel wußte, Der (1934)
65% 39 Stufen, Die (1935)
70% Sabotage (1936) Review
60% Geheimagent (1936)
--- Jung und Unschuldig (1937)
75% Dame verschwindet, Eine (1938)
55% Riff-Piraten (1939)

Die Übersiedlung nach Amerika 1940 brachte einen sofort spürbaren Wandel in der Tonlage der Werke, aber vor allem einen augenfällige Steigerung der Produktionsqualität. Schon der erste in Amerika entstandene Film „Rebecca“ übertrifft alle bisherigen. Der Krieg bestimmt schon bald auch Hitchcocks Filmschaffen, doch gelingen ihm trotz der normierenden Erwartungen der Kriegsöffentlichkeit erstaunliche Werke, die klare politische Parteinahme mit einer erstaunlichen psychologischen Differenzierung verbinden.

80% Rebecca (1940) Review
70% Der Auslandskorrespondent (1940)
60% Mr. und Mrs. Smith (1941)
70% Verdacht (1941)
70% Saboteure (1942)
75% Im Schatten des Zweifels (1943)
80% Rettungsboot, Das (1944)
70% Ich kämpfe um dich (1945)
80% Berüchtigt (1946)

In den Nachkriegsjahren leistete sich Hitchcock neben dem gescheiterten Experiment einer eigenen Produktionsfirma auch noch eine Serie von Filmen, die durch Fehlkonzeptionenen und -besetzungen sowie unausgereiften Drehbüchern zu seinen schwächeren gehören. Einzig der experimentelle Film „Cocktail für eine Leiche (Rope)“ kann trotz und/oder wegen eines deplatzierten, aber brillanten James Stewart heute noch überzeugen.

55% Fall Paradin, Der (1947)
75% Cocktail für eine Leiche (1948) Review
60% Sklavin des Herzens (1949)
60% Rote Lola, Die (1950)

Will man nicht gewaltsam originell sein, so fallen einem auch heute wenig plausible Argumente gegen die althergebrachte Ansicht ein, in den 1950er Jahren habe das Kino Alfred Hitchcocks seinen Höhepunkt erreicht. Die Zensurzwänge der 1950er Jahre und Hitchcocks sexualsymbolische Ästhetik ermöglichten Meisterwerke, die vorher so nicht möglich gewesen wären und nachher nicht mehr überzeugend wirkten.

80% Verschwörung im Nordexpress (1951)
75% Ich beichte (1953)
90% Fenster zum Hof, Das (1954)
80% Bei Anruf Mord (1954)
85% Über den Dächern von Nizza (1955)
60% Immer Ärger mit Harry (1955)
75% Mann, der zuviel wusste, Der (1956)
75% Falsche Mann, Der (1956)
100% Vertigo (1958) Review
95% Unsichtbare Dritte, Der (1959)

1960, das Jahr von „Psycho“, kann man wohl mit einigem Recht als Wendepunkt in Hitchcocks Karriere sehen. Auf der Höhe von Erfolg und künstlerischer Kraft leistete er sich eine experimentelle Billigproduktion, deren Grenzüberschreitungen durch die kaum mehr überschaubaren Nachahmer vielleicht etwas ins falsche Licht geraten sind. Danach folgten zwei Werke, die zwar noch auf große Höhe zu verorten sind, aber doch schon minimale Unschärfen im komplexen Abbildungsgeschehen zwischen Welt und Kunstwelt erkennen lassen.

90% Psycho (1960)
80% Vögel, Die (1963)
80% Marnie (1964)

Der rasante Wandel in den 1960er Jahren setzte Hitchcock so unter Zugzwang, dass er erstmals dem künstlerischen Modernisierungstempo nicht standhalten konnte. „Der zerrissene Vorhang“ zeigt ein ebenso interessantes wie bizarres Beispiel von asymmetrischer Modernisierung, hingegen „Topas“ den gescheiterten Versuch, gewaltsam mit großem Aufwand wieder in die Gunst von Frau Gegenwart zu kommen.

65% Zerrissene Vorhang, Der (1966) Review
55% Topas (1969)

Hitchcocks Alterswerk umfasst genau zwei Filme, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Nach den halbwegs gescheiterten Agentenfilmen großen Zuschnitts in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre, kehrte er mit einem kleineren Projekt in ein überschaubares, ihm wohl vertrautes englisches Milieu zurück. Diese Beschränkung zeigte Wirkung, „Frenzy“ wirkt in seiner Direktheit gegenwärtiger als alles, was Hitchcock seit „Psycho“ gedreht hatte. „Familiengrab“ hingegen hat die Anmutung eines Alterswerkes. Etwas Entrücktes, Geisterhaftes haftet diesem Film an, als wenn Hitchcock schon nicht mehr ganz mit der Welt von 1976 in Berührung stände, dies aber nicht als Mangel ansähe, sondern mit Gelassenheit akzeptiert hätte.

75% Frenzy (1972)
70% Familiengrab (1976)

Was bleibt nach so einer Werkschau, nach so einem Werk noch zu sagen? Mag sich bei vielen Regisseuren schon nach wenigen Filmen ein gewisser Überdruss einstellen, weil man die Schemata erkennt, so eröffnete Hitchcock mir bis zum (vorläufigen) Schluss eine unerschöpfliche Kunstwelt. Seine enorme Leistung wird überhaupt erst durch eine solche Werkschau erfahrbar. Fast vierzig Jahre wuchs Hitchcocks Kosmos künstlerisch, bevor sich erste Anzeichen von nachlassender Schaffenskraft bemerkbar machten. Je älter man selber wird, je deutlicher einem die eigenen Grenzen von körperlicher und geistiger Entwicklungsfähigkeit werden, desto respektheischender erscheint einem Hitchcocks Werk- und Lebensleistung.

(Die Liste wird fortlaufend aktualisiert.)

8 Kommentare:

  1. Ein schöner Überblick, bei dem sich Bewertungen ausnahmsweise lohnen, auch wenn ich natürlich - zum Glück! denn wo kämen wir sonst hin? - nicht in allen Punkten mit dir einverstanden bin ("Rebecca", "Shadow of a Doubt", "Notorious" und natürlich "Marnie" sind für mich so einzigartig, dass sie neben "Vertigo" mit 100% bestehen können, während ich mich mit "Strangers on a Train" schwer tue; und dies nicht, weil der Bösewicht einen so schönen Namen hat).

    Die TV-Filme muss ich auch mal wieder geniessen: Sie gehörten zum Ritus diverser Freitagabende, an denen man mir nach dem Bade noch einen Krimi gönnte. :)

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  2. @Whoknows: Gegen Bewertungen in Notenform kann man natürlich grundsätzlich, aber auch im Einzelfall immer gewichtige Argumente vorbringen. All die Probleme der Maßstäblichkeit, der Notenspreizung und der Vereinfachung sind mir nicht fremd. Trotzdem fand ich die Liste sinnvoll, sie schien mir die einzige Möglichkeit, mir überblicksartig die Eindrücke der Werkschau des letzten Jahres zu vergegenwärtigen. Noch sind die Seheindrücke frisch und vergleichbar. Deswegen habe ich sie auch schon jetzt gepostet, obwohl bei den Stummfilmen fast alles fehlt. Nur werden mir diese frühen Werke vermutlich erst in größeren Abständen - wenn überhaupt - zugänglich werden.

    Damit die schiere Masse der Filme für die Leser überschaubar wird, habe ich pragmatisch Gruppen gebildet und mit ganz kurzen Sätzen zur Orientierung versehen. Die sollen - um Himmelswillen - nicht als Essay verstanden werden, der sich anmaßt, das Lebenswerk von Hitchcock abzuhandeln.

    Nur: Es ist mir unmöglich, zu jedem Film ein Review zu schreiben. Immerhin konnte ich zu den meisten Werkphasen wenigstens einen Text anbieten.

    Unterschiedliche Einschätzungen: nur immer her damit :)
    Bei "Rebecca" ist mir deine höhere Wertschätzung sogar sehr sympathisch, denn dieser Film wird meiner Meinung nach zuwenig wahrgenommen.

    Bei "Shadow of a Doubt" und "Notorious" erkenne ich die Qualität der Filme, habe aber schwer zu beschreibende Probleme mit ihnen. Dem müsste ich mal genauer nachgehen.
    Über "Marnie" weht schon der erste Wind des Frühherbstes ;)

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  3. Deswegen habe ich sie auch schon jetzt gepostet, obwohl bei den Stummfilmen fast alles fehlt. Nur werden mir diese frühen Werke vermutlich erst in größeren Abständen - wenn überhaupt - zugänglich werden.

    Wieso eigentlich? Ist doch fast alles erhältlich. Ein paar Links wurden ja gerade nebenan bei "Hauptsache Stummfilm" gepostet. Aber wenn Du sowieso alles auf Englisch schaust, würde ich mich gleich an engl. DVDs halten. Wenn Du diese und diese Box kaufst, hast Du praktisch alle Stummfilme beisammen. Es fehlt dann nur noch EASY VIRTUE, außerdem die nur halb (ALWAYS TELL YOUR WIFE) bzw. gar nicht erhaltenen NUMBER 13 und DER BERGADLER. Du hättest dann halt auch einige Filme doppelt.

    Übrigens hast Du in deiner Liste zweimal SIR JOHN GREIFT EIN aufgeführt. Ich nehme an, dass Du einmal die deutsche Parallelversion mit Alfred Abel meinst, aber die heißt MARY. Die beiden Filme bieten für deutschsprachige Seher einen interessanten Vergleich. Es gibt nämlich in der Originalversion von MURDER!, in der deutschen Synchro von MURDER! (die, wie ich annehme, deutlich später, vielleicht in den 50er Jahren, entstand) und in MARY gleich drei unterschiedliche Gründe, warum der Mörder (der ein Getriebener und mehr Opfer als Täter ist) zum Mörder wurde. Genauer gesagt: Warum es einen Grund gab, womit ihn das spätere Mordopfer erpressen konnte und deshalb getötet wurde.

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  4. @Manfred: Da hast du natürlich prinzipiell völlig recht. Allerdings besitze ich nur einen Teil der Hitchcockfilme auf DVD, andere habe ich mir für die Sichtung geliehen. In einem Fall (Lifeboat) hatte unser lokales Programmkino im Juli die geniale Idee, sogar mal die englische Originalfassung zu zeigen.

    Aber vermutlich bleibt mir tatsächlich nichts anderes übrig, als die englischen Boxen zu kaufen, um überhaupt an einzelne Filme zu kommen.

    Derzeit liegen bei mir auf dem Schreibtisch noch die Arthaus-DVDs von "Der Auslandskorrespondent" und "Endlich sind wir reich!" samt dem Bonusfilm "Champagner".

    P.S.: Die Antwort zu "Vertigo" folgt etwas später, ich will nochmal wegen einer Szene in den Film schauen.

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  5. Bei Play.com kommst du bei den Boxen im Übrigen noch etwas günstiger weg und angesichts der Lieferfrist auch früher (zwar dauert es ca. 2 Wochen, aber die eine Hitchcock-Box kommt bei Amazon.co.uk laut Homepage ohnehin erst in ein paar Monaten wieder rein). Vergleichen lohnt sich jedenfalls nochmal.

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  6. Vielen Dank für den Hinweis. Ich werde mich mal um die UK-Boxen bemühen. Zwei Wochen Lieferfrist wären mir egal, da mir ja nix wegläuft. Das ist eben der Vorteil, wenn man einen persönlichen Blog betreibt und nicht irgendwelche Termine von Redaktionen im Nacken hat. Obwohl andererseits meine Schreibfaulheit durch solchen Termindruck vermutlich selbst heilsam unter Druck geriete ;)

    Außerdem sollen hier auf dem Blog auch wieder mal andere Themen als Hitchcock zur Sprache kommen.

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  7. So. Den "Auslandskorrespondenten" mit 70% nachgetragen. Im Prinzip eine Fortsetzung der "39 Stufen" und Beginn der Kriegsfilme. Das dramatische Ende über dem Atlantik weist schon auf die Personenkonstellation von "Rettungsboot" voraus. Im Ganzen etwas besser als erwartet, aber doch begrenzt durch die eher durchschnittlichen Schauspieler.

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  8. Die Liste der Filme wurde neu angeordnet in der Reihenfolge ihrer Entstehung.
    Neu hinzugekommen ist ebenfalls die Wertung von "Der Mieter (1926)", den ich eben gesichtet habe.

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