Obwohl nur zwei Jahre später als "Nosferatu" entstanden, zeigt Murnaus "Der letzte Mann" einen filmtechnischen Quantensprung. Filmte er eben noch mit der Kamera auf dem Stativ seinen "Nosferatu" in statischen Bedeutungslandschaften, so setzte er hier die Kamera in Bewegung auf Schienen, Kränen oder frei auf der Schulter.
Die neuen Möglichkeiten der Kamera nützt Murnau sofort wie selbstverständlich und stets im Dienst der Erzählung, nie als Effekthascherei. So präzise erzählt er mit der Kamera, dass "Der letzte Mann" (fast) vollständig auf Zwischentitel verzichten kann.
Geradezu gegenläufig zur formalen Modernität wirkt die Erzählung inhaltlich patiniert, zumindest aber stark in ihrer Entstehungszeit verhaftet. Kurz nach dem Untergang des Kaiserreichs zeigt Murnau einen alten Portier (Emil Jannings) in einem Nobelhotel, der sein ganzes Selbstwertgefühl aus seiner operettenhaften Uniform zieht. Unerschütterlich grüßt er die ankommenden Gäste leutselig wie der alte Kaiser Franz-Joseph. Eine Selbsttäuschung, denn eines Tages wird er aus nichtigem Anlass wegen seiner Altersschwäche zum Toilettenmann degradiert und seiner Uniform beraubt. Seinem privaten Umfeld gegenüber will der diesen Absturz unter allen Umständen verheimlichen.
Das ist einerseits natürlich ein zeitloses, später noch oft genütztes Thema, aber andererseits in seiner speziellen Ausprägung doch sehr einer historischen, heute endgültig verstaubten Kritik am wilhelminischen Uniformkult verpflichtet. Auch der von Murnau auf äußeren Einfluss hin angepappte Epilog, der nochmal das Unterste nach oben kehrt, wirkt in jeder Lesart altbacken. Platt wörtlich genommen, ein lächerliches, starkt ausgewalztes Happy-End. Murnaus ironische Inszenierung eingerechnet, ein zwar interessanter, anarchistischer Umschwung, der aber vermutlich in dieser Länge nur unter den speziellen Zeitumständen von 1922/23 wirklich überzeugend wirkte. Da vollzog sich dieser rasante Umwälzung von Reichtum und Armut durch die Hyperinflation nämlich tatsächlich und war für Millionen eine traumatisch erlebte Realität.
Seltsam: "Nosferatu" wirkt in seiner altmodischen, rätselhaften Fremdartigkeit heute unmittelbarer, "Der Letzte Mann" scheint stärker von der seitherigen Filmgeschichte absorbiert worden zu sein.
80%
Dieser Kurzkommentar wurde zuerst in meinem alten Sehtagebuch am 14. Dezember 2010 veröffentlicht.
Dazu gab es in meinem alten Sehtagebuch zwei Kommentare:
AntwortenLöschengabelingeber hat am 15. Dezember 2010 um 21:16 Uhr gesagt…
Ich habe den Film vor ein paar Jahren gesehen und hatte einen ganz ähnlichen Eindruck. Ich befand damals sogar, diesen Film könne man heute nicht mehr ansehen, was sicher auch mit Jannings Spiel zu tun hatte: Er ist in seinem Leiden derart expressionistisch-penetrant, dass ich eher Abneigung empfand als Mitleid.
Heute würde ich den Film bestimmt anderes beurteilen; bin schon mal gespannt darauf. Ich muss ihn aber zuerst in meinen Besitz bringen...
Sieben Berge hat am 15. Dezember 2010 um 22:19 Uhr gesagt…
Dein Eindruck von Jannings Spiel kann ich nur bestätigen. Diese extrem pointierte Deutlichkeit noch in der kleinsten Geste und Bewegung gehört einer restlos untergegangenen Schule der Schauspielerei an.
Wenn man sich Jannings Ruhm ansieht, so wirkt er von heutigen Sehgewohnheiten her sehr fern, zuweilen befremdlich. Und Jannings hatte ja wahrlich ein Ruf wie Donnerhall.
Man kann ihm aber nicht die schauspielerische Präzision absprechen. Jede Geste sitzt exakt, und obwohl es keine Zwischentitel gibt, führt Jannings Spiel die Zuschauer klar und eindeutig durch die Geschichte.
Aber etwas sträubt sich bei uns Heutigen dagegen, das hast du sehr richtig gespürt.
In Sachen Murnau habe ich mich übrigens von dir zu dieser Mini-Retrospektive anregen lassen. Nach "Nosferatu" und "Der letzte Mann" habe ich nun noch "Sunrise" bei mir auf dem Tisch liegen. Nur den "Faust" habe ich noch nicht bekommen. Ich hoffe, das klappt noch.