Wie schon üblich, das monatliche Lamento über zu wenig
gesehene Filme vorneweg. So. Das wäre erledigt.
Dame,
König, As, Spion (Tinker Tailor Soldier Spy)
(D / F / GB 2011, Tomas Alfredson) 85%
So
finster die Nacht (Låt den rätte komma in)
(S 2008,
Tomas Alfredson) 85%
Super
(USA
2010, James Gunn) 80 Nerd-%, für den Rest: n/b
Die etwas anderen Cops (The Other
Guys)
(USA 2010, Adam McKay) 35%
Polizei- und Actionfilmparodien gibt es genug. HOT FUZZ
war eigentlich in guter Erinnerung geblieben. Nun will Adam McKay alles anders
machen, nicht nur die Genremythen parodieren, sondern auch die geläufigen, inzwischen
sattsam bekannten Muster der Parodien unterlaufen. Klingt gut, funktioniert
aber fast gar nicht. Die Verdrehung der erwarteten Abläufe passt hinten
und vorne nicht. Die bewussten Antigags blieben meist flau, weil sie völlig
ziellos konstruiert wirken. Die Schauspieler können schlechterdings diese
Drehbuchvorgaben nicht in eine logisch und emotional nachvollziehbare Interaktion
umsetzen, bei der irgendeine humoristische Spannung entsteht. Alte Weisheit:
Schlechte Witzeerzähler ruinieren die besten Witzideen.
Angel Eyes
(USA 2001, Luis Mandoki) 25%
Diese zum Kinofilm aufgeblasene TV-Schmierenkomödie mit
enervierend peinlichen Drehbuch- und Schaupielleistungen hat vermutlich
innerhalb der Soap-Opera-Szene und Jennifer-Lopez-Fans sogar ein Publikum, das
solch öden Stuss gut findet. Selbst für ein Gefühlsporno dieser Marke:
vergessenswert.
Twister
(USA 1996, Jan de Bont) 30%
Auch die CGI-Technik war mal neu, und in den Neunzigern
galten ein paar Effekte dieser Art schon als abendfüllend für einen
Blockbuster. Hey, eine Pixel-Windhose! Und noch eine! Heute hat schon jeder
Dokuchannel diese Art von digitalem Schlechtwetter im Programm. Der Rest des
Films spielt sich auf dem Drehbuch- bzw. Dramaturgieniveau einer mäßigen
Vorabendserie ab. Und Regisseur ist Jan de Bont? Der Jan de
Bont, der bei Paul Verhoevens besten Filmen hinter der Kamera stand?
Unglaublich, in jeder Hinsicht. Kurzer Lichtblick: für 5 Sekunden gibt’s
fliegende Kühe zu sehen, macht +10% Lachzuschlag.
Barfly
(USA
1987, Barbet Schroeder) 75%
Bukowski war mal ein sehr angesagter Autor, ist es
vielleicht heute noch, in Deutschland sogar mehr als jemals in den USA. Sein
Suff ist nie ein medizinischer, psychologischer oder sozialer Fall gewesen,
sondern stets eine Kunstform. Bei aller Ablehnung der bürgerlichen Welt und
ihres Kunstbegriffs, bei aller kenntnisreichen und liebevollen, aber
unromantischen Zeichnung des Säufermilieus: am Ende ist er doch
keiner von ihnen, sondern Künstler. Und darauf legt er dann doch Wert, aller
zur Schau gestellten Scheißegalhaltung zum Trotz. Was Bukowski an Rourke als
Darsteller störte, weiß ich nicht, aber etwas manieristisch scheint mir sein Spiel
an einigen Stellen zu sein. Trotzdem: immer noch sehenswert.
Stand by
Me
(USA 1986, Rob Reiner) 80%
Rob Reiners bester Film, etwas vor der heute halb
vergessenen, aber netten Teenagerkomödie THE SURE THING und sicher vor dem
maßlos überschätzten WHEN HARRY MET SALLY, wo Reiners stets vorhandene
Spießigkeit erstmals unangenehm auffiel.
Ferris macht blau (Ferris Bueller’s Day
Off)
(USA 1986, John Hughes) 75%
Ist Ferris Bueller ein cooler Tunichtgut oder nur ein
arroganter Schnösel? Diese Frage beschäftigt (nicht nur) mich schon länger.
John Hughes Legende war und ist schon immer größer als sein Werk gewesen. Seine
Anfänge mit SIXTEEN CANDLES bauen noch ganz auf die klassischen
Highschool-Stereotypen, aber lassen trotzdem schon jenen unverwechselbaren Ton
erahnen, durch den er BREAKFAST CLUB zum persönlichsten Jugendfilm seiner Zeit
und Art machte. Danach schlich sich eine leicht manierierte (Über-)Stilisierung
in seine Filme, die noch immer unverwechselbar auf eine Jugendgeneration
zielten, aber doch einige Zentimeter das Herz verfehlten. Wer eine ganze
Generation (und Teile der nachfolgenden) bewegt hat, dem wird vieles, ja fast
alles nachgesehen, auch wenn er am Ende nur ein Kleinmeister war. Ferris auf
dem Wolkenkratzer, Ferris im Museum, Ferris in der Parade und Ferris, der seine
Auszeit ungeschehen macht. Ist das alles zu gewollt, zu affektiert oder gerade
deswegen doch cool? Ganz fertig bin ich mit Ferris noch
nicht.
Blind Beast
(Môjû)
(J 1969, Yasuzo Masumura) 80%
Ein surrealer SM-Kunstkamikaze-Film. So ungefähr das
Gegenteil zu Stephanie Meyers Vampirepen in der Verschlüsselung der blutsaugerischen
Sexualität. Dort meidet man Sex wegen oder durch Vampirismus. Wer hier Blut
will, hat Sex und Kunst schon hinter sich und die blinde Gier nach Erregung
regiert.
McLintock!
(USA
1963, Andrew V. McLaglan) 40%
Noch vor den bekannten Filmen unter der Regie von John
Ford und Howard Hawks dürfte MCLINTOCK! der reinste, unverfälschteste Ausdruck
von John Waynes Welt- und Kunstanschauung sein. Darüber hinaus gibt MCLINTOCK!
geradezu mustergültig Auskunft über das patriachalische Weltbild des
amerikanischen Konservativismus alter Schule. John Wayne verlängerte die
heutzutage von einer sich progressiv verstehenden Filmgeschichtsschreibung gern
in die Steinzeit verortete Gesinnung politisch und künstlerisch bis in die
1960er Jahre und das mit Erfolg. Wayne steht als Großgrundbesitzer und
Viehzüchter McLintock gegen die Bürokratisierung des Lebens durch die Regierung,
gegen die Verrechtlichung aller Lebensverhältnisse, gegen die Verweichlichung
des Mannes in der Großstadt.
Er steht für ein geradezu feudalistisches Verständnis von
persönlicher Treue gegen seine Familie, seine Arbeiter und seine Mitmenschen („I
don’t give jobs – I hire man“), er steht für die Verwirklichung des
amerikanischen Traumes aus eigener Kraft auf Grundlage klarer, einfacher
gesetzlicher Regeln. Großstädtische Liberale und Studenten sieht er als
Gefährdung dieses Freiheitsverständnisses. Maureen O’Hara spielt seine wilde Ehefrau,
die gezähmt werden muss nach altem Machoverständnis. Da das Drehbuch locker auf
Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ beruht, wird sie von ihm am Ende
übers Knie gelegt und versohlt, ebenso die Tochter von ihrem künftigen Mann. Alles
Steinzeit?
Man sollte die andere Seite dieses amerikanischen
Konservativismus nicht vergessen. Wayne nimmt hier deutlich Partei für die
Indianer, er verteidigt ihre freie, männliche Lebensweise und hält ihre
Einpferchung in Reservate, abhängig von staatlicher Fürsorge, für entwürdigend.
Wenig beachtet auch sein antirassistisches Eintreten für religiöse Toleranz,
erkennbar an der positiven Zeichnung des jüdischen Lebensmittelhändlers. Wichtig
ist immer nur der Glaube an die amerikanischen Grundwerte, nicht die Herkunft
(so die Theorie).
MCLINTOCK! fehlt die Bildgewalt der John-Ford-Filme, ihm
fehlen die dramaturgische Dichte, die scharfe Charakterzeichnung und die pointierten
Dialoge der Howard-Hawks-Filme. Der Witz ist harmlos, oft altbacken und das
Erzähltempo eher moderat. Abgesehen von der Staubschicht und dem Weltbild, mit
dem sich heute wohl nicht nur explizit Linke („Liberale“ im amerikanischen Verständnis)
schwertun dürften, ein technisch und schauspielerisch solider „Familienfilm“
von anno dunnemals.
Statistik: Nach TRUE GRIT und A DANGEROUS METHOD
ist MCLINTOCK! nun der nächste Film, in dem die Weiber übers Knie gelegt
werden, um sie zur Vernunft zu bringen. Langsam zeichnet sich hier eine
interessante Tendenz ab ;)
Die Frau
ohne Gewissen (Double Indemnity)
(USA
1944, Billy Wilder) 80%
Filme, in denen Edward G. Robinson mitspielt, können
eigentlich nicht ganz schlecht sein. Zumal er hier als unbeirrbarer Inquisitor
und verstehender Beichtvater in einem die mörderische Komplizenschaft von Fred
MacMurray und Barbara Stanwyk aufdeckt, ohne es auch nur zu ahnen, weil er erst
am Ende, als es zu spät ist, von dieser fatalen Leidenschaft ohne Liebe
erfährt.

